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Hannover: Mobiler Streichelzoo: Wenn Schafe und Esel zu Besuch kommen

Hannover : Mobiler Streichelzoo: Wenn Schafe und Esel zu Besuch kommen

Obwohl Aljoscha Stahl das Huhn nicht sehen kann, streckt er tapfer seine Hand mit ein paar Körnern aus. „Wenn es aus der Hand pickt, zwickt es ein bisschen”, sagt er lächelnd.

Der 17-Jährige ist blind, aber er kann sich genau vorstellen, wie Tiere aussehen. Mit Federvieh oder Meerschweinchen im Arm lernt Aljoscha jede Woche etwas Neues. Denn immer donnerstags reist Sozialpädagogin Ingrid Stephan mit einem mobilen Zoo zum Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover und besucht den Jungen und seine Schulkameraden.

Die Pädagogin hat schon vor 17 Jahren entdeckt, dass Tiere den Menschen gut tun. In Altenheimen oder Behinderteneinrichtungen etwa sind zu therapeutischen Zwecken mittlerweile immer häufiger Hunde anzutreffen. Doch Stephan hält in ihrem „Institut für soziales Lernen mit Tieren” in Lindwedel bei Hannover gleich 16 Arten bereit - für alle Fälle. Dort tummeln sich Schweine, Esel, Ponys, Schafe und etliche Kleintiere.

Je nachdem, ob Stephan demenzkranke Menschen im Altenheim, eine Kinder- und Jugendpsychiatrie oder das Blindenzentrum besucht, wählt sie die Tiere gezielt aus. „Jedes hat seinen eigenen Charakter.” So könnten Gänse und Esel den Kindern einer Lernhilfe-Schule schon mal die Grenzen aufzeigen, wenn diese zu aufdringlich würden.

„Für das Blindenzentrum nehme ich Tiere mit, die gut zu hören und zu ertasten sind”, sagt Stephan. Das Zentrum ist Schule und Internat für sehgeschädigte, teils schwerbehinderte Kinder. Dort baut die Pädagogin in einem Pavillon ihr Gehege auf. Im Heu tummeln sich gackernde Hühner und quiekende Meerschweinchen, und Enten planschen hörbar in einer Wanne.

Aljoscha hält das Meerschweinchen „Schoko-Karamell” auf seinem Schoß und streichelt sein seidiges Fell. Es mümmelt gemächlich die Paprika, die der Junge ihm reicht. Rund 30 Kinder sind in den mobilen Zoo gekommen: „Jetzt sind diejenigen, die normalerweise immer versorgt werden, in der Versorgerrolle”, erläutert Stephan. Viele seien deutlich selbstbewusster geworden und hätten mehr Mut zur eigenen Leistung bekommen.

Der 24-jährige Simeon Pein hat sich früher erschrocken, wenn Hunde bellten, berichtet seine Lehrerin Ulrike Krüger. Mittlerweile führt er die Retriever-Hündin „Emily” an der Leine und ruft sie sogar zur Ordnung. Krügers eigener Blindenhund hat sie auf die Idee zur Arbeit mit Kindern und Tieren gebracht. Immer wenn sie Mischling „Teddy” mit in die Schule brachte, begannen selbst verschlossene Kinder zu sprechen. „Wo Tiere sind, da entsteht Kommunikation.”

Manche Schwerbehinderte wie Fabian Kiesel, der nicht sprechen kann, können nur durch Laute oder Gesten auf die Tiere reagieren. In einem großen Rollstuhl wird Fabian in den Raum geschoben. Durch eine Spastik kann der 24-Jährige sich kaum bewegen. Die Hühner flattern ihm entgegen und lassen sich schließlich auf seinem Rollstuhl nieder. „Als ob die Tiere spüren, dass von ihm keine Bedrohung ausgeht”, sagt Stephan.

Fabian strahlt über das ganze Gesicht, und seine Hände lockern sich etwas. Mensch und Tier geht es in dieser Situation gut, ist Stephan überzeugt: „Die Hühner sind so entspannt, dass sie zwischendurch auch schon mal Eier legen.”