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Köln/Berlin: Mit Sport gegen den Krebs

Köln/Berlin : Mit Sport gegen den Krebs

Wuchernde Krebsgeschwüre mit Waldläufen zu bekämpfen, das schien lange unvorstellbar. Schließlich hat sich ein kranker Mensch zu schonen - wie sehr muss das speziell für schwer gezeichnete Tumorpatienten gelten, die oft unter Schmerzen, chronischer Müdigkeit und Abbau der Muskulatur leiden.

Doch Krebspatienten, die sich bewegen, schaden ihrer Gesundheit keineswegs. Im Gegenteil: In den letzten Jahren haben Studien gezeigt, dass regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen verbessert, sondern sogar die Chancen auf Genesung deutlich erhöht und die Rückfallquote senkt.

Die Auswirkungen von Sport auf den Verlauf einer Krebserkrankung gründlich zu untersuchen, sei in den vergangenen Jahrzehnten von Wissenschaftlern „völlig vernachlässigt” worden, unterstreicht Freerk Baumann vom Institut für Rehabilitation und Behindertensport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Zwar hätten sich die ersten Krebssportgruppen schon Anfang der 1980er Jahre gegründet. Eine ernsthafte Einbeziehung von körperlichem Training in die schulmedizinische Krebstherapie habe die Ärzteschaft aber „lange blockiert”, betont Baumann. „Unter anderem wurde befürchtet, dass zu viel Aktivität die Bildung von Metastasen lostreten könnte.” Noch bis Ende der 1990er Jahre wurde Patienten während und bis zu sechs Monate nach einer Chemotherapie körperliche Anstrengungen untersagt, weil man negative Auswirkungen befürchtete.

Dass diese Angst unbegründet war und ist, haben diverse wissenschaftliche Studien nun belegt. Danach ist es offenbar so, dass vielmehr ausgedehnte Ruhe und Bewegungsmangel kontraproduktiv und schädlich sind. Denn Inaktivität führt zum Abbau von Muskeln und macht schlapp. Der Betroffene reagiert auf Anstrengungen daraufhin noch schneller mit Müdigkeit und schränkt seine Aktivität weiter ein. Das forciert wiederum das sogenannte Fatigue-Syndrom, die chronische Erschöpfung von Krebspatienten, die Lebensqualität nimmt mehr und mehr ab. „Bewegungsmangel setzt also einen Teufelskreislauf in Gang”, unterstreicht Anke Kleine-Tebbe, Oberärztin am Interdisziplinären Brustzentrum der Charité in Berlin.

Für ihre Patientinnen mit Brustkrebs während adjuvanter (unterstützender) Chemotherapie entwickelte Kleine-Tebbe ein moderates Ausdauersporttraining. Im Praxistest zeigte sich, dass die Frauen mit leichtem Lauftraining dreimal die Woche à 30 bis 45 Minuten die Nebenwirkungen der aggressiven Chemotherapie spürbar mindern konnten. Eine Vergleichsgruppe, die lediglich Autogenes Training absolvierte, konnte indes keine derartigen Erfolge verbuchen. „Insgesamt lassen die veröffentlichten Daten vermuten, dass ein regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining die Heilungsrate bei Brustkrebs um sechs Prozent verbessert„, sagt Kleine-Tebbe. So seien US-amerikanische Mediziner bei Darmkrebs-Patienten auf ähnliche Ergebnisse gestoßen. Bei dieser Krebsart verbessere Sport die Heilungsrate um ebenfalls beeindruckende fünf Prozent.

Wo das Krebsgeschwür wuchert, ist somit zweitrangig. Körperliche Bewegung tut Patienten mit Magenkrebs in der Regel genauso gut wie solchen mit einem Gallengangtumor oder Leukämie. ”Und das unabhängig vom Erkrankungsverlauf„, betont Wissenschaftler Baumann, der sich mit den Auswirkungen von Sport auf Karzinome seit zehn Jahren intensiv beschäftigt. Gleichwohl unterscheiden sich die Trainingsmethoden je nach Erkrankungsart und -stadium: Kurz nach einer aufwendigen Bauchoperation können dem Betroffenen in der Akuttherapie meist nur leichte Bewegungsmuster zugemutet werden. ”In der Nachsorge dagegen kann das Aktivitätsprogramm bis hin zum schweißtreibenden Sport reichen„, erläutert Baumann.

Damit sich Patienten nicht zuviel zumuten und Schädigungen durch falsche Übungen vermeiden, sollte der Trainingsbeginn in Anleitung eines qualifizierten Therapeuten beziehungsweise Arztes erfolgen. Doch einen solchen zu finden, ist gar nicht so einfach. ”Leider kennen sich die meisten Ärzte und Therapeuten nicht mit körperlichen Bewegungen aus„, beklagt Baumann. Hier gebe es noch eine Menge ”Aufklärungsbedarf„.

Allerdings können und sollten Krebspatienten nicht so lange warten, bis die deutsche Ärzteschaft so weit ist und sich fortgebildet hat. Sie können sich schon jetzt beispielsweise einer der laut Baumann bundesweit rund 700 Krebssportgruppen anschließen. Oder aber alleine loslegen, speziell dann, wenn man die Klinik verlassen hat und die Zeit der Rehabilitation und Nachsorge beginnt. Im Prinzip könnten Betroffene dann genauso trainieren wie gesunde Menschen, die aus präventiven Gründen Sport treiben, sagt Charité-Ärztin Kleine-Tebbe. Gut geeignet seien etwa die klassischen Ausdauersportarten wie Gehen, Laufen, Schwimmen oder Radfahren. Kraft- und Dehnübungen würden bei Yoga und Pilates ideal kombiniert. Dreimal die Woche sollten Betroffene mindestens loslegen. ”Besser sogar jeden Tag”, betont Kleine-Tebbe.

Wann man als Krebskranker auf Sport verzichten sollte

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Sport beziehungsweise Bewegung einen positiven Einfluss auf die Heilungschancen bei einer Krebserkrankung hat - selbst und gerade wenn während einer aggressiven Chemo- oder Strahlentherapie trainiert wird. In bestimmten Situationen sollte man aber besser auf körperliche Anstrengung verzichten. Dazu gehören: - Fieber - Schmerzen - Schwindel - akute Infekte - erniedrigte Blutwerte - eingeschränkte Blutgerinnung - schwerwiegende Herzerkrankungen (zum Beispiel nicht eingestellter Bluthochdruck, unklare Herzrhythmusstörungen). Bei speziellen nephro- und kardiotoxischen Chemotherapien sollten regelmäßige Kontrolluntersuchungen (EKG, Herzecho) erfolgen. Am Tag der Chemotherapie sollte man auf die körperliche Aktivität verzichten. Zwischen den einzelnen Behandlungen ist ein Training gut möglich.

Weiterführende Informationen:

Die Deutsche Krebshilfe informiert im Internet ausführlich über Erkrankungsbilder, Prävention, Behandlung und Nachsorge. Zudem kann man kostenfrei Info-Broschüren („Blaue Ratgeber”) bestellen, darunter Heft 48 „Bewegung und Sport bei Krebs”.

Für Frauen mit Brustkrebs empfiehlt sich die Broschüre „Brustkrebs & Sport - Ein Trainingsbuch für Patientinnen”. Bestellt werden kann das Trainingsbuch im Internet unter pfizer-oncology.de oder per Fax an Aktiv Leben mit Krebs, Stichwort „Brustkrebs & Sport”, Fax-Nummer: 06123/705757.

Adressen von Krebssport- und andere Selbsthilfegruppen kann man sich von seiner lokalen Krebsberatungsstelle vermitteln lassen. Diese Beratungsstellen hat der Deutsche Krebsinformationsdienst auf seiner Internetseite aufgelistet.

Literatur: Im Juli erscheint im Deutschen Ärzteverlag das Buch „Bewegungstherapie und Sport bei Krebs” von Freerk Baumann und Klaus Schüle. Laut Baumann richtet sich das Buch an Ärzte, Therapeuten und interessierte Patienten.