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Aachen: Mit Bauchweh zur Schule: Viele Kinder haben Angst vor Leistungsdruck oder Mitschülern

Aachen : Mit Bauchweh zur Schule: Viele Kinder haben Angst vor Leistungsdruck oder Mitschülern

Jeden Morgen das gleiche Theater. Der kleine Paul trödelt beim Anziehen, klagt über Bauchweh und will nicht zum Bus gehen. Wenn Kinder den Gang zur Schule hinauszögern, können massive Ängste dahinter stecken.

„Eltern sollten ihnen keine Vorwürfe machen, sondern die Ursachen ergründen”, sagt Professor Beate Herpertz-Dahlmann, Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Aachen.

Vor allem bei jüngeren Schülern stecke hinter der Angst vor der Schule meist Trennungsangst. Die Wissenschaftlerin schätzt, dass etwa jedes hundertste Kind damit zu kämpfen hat. „Eltern sollten psychische und körperliche Symptome genau beobachten”, rät Herpertz-Dahlmann. Besonders verändertes und ungewöhnliches Verhalten sollten sie registrieren, ergänzt Lothar Dunkel, Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstelle der Stadt Münster.

„Dann sollte man als Mutter oder Vater auf sein Gefühl hören oder andere Vertraute zurate ziehen, die das Kind gut kennen.” Das können Großeltern oder andere Verwandte, aber auch Lehrer und Freunde sein. Zieht sich der Sprössling beispielsweise zurück oder wird aggressiv, sollten Eltern zunächst das Gespräch mit ihrem Nachwuchs suchen. „Wichtig ist, ihm zu vermitteln, dass Ängste normal sind und dass sie helfen werden, diese zu bewältigen”, unterstreicht Dunkel.

Im nächsten Schritt sollten Eltern den Klassenlehrer um eine Einschätzung bitten. „Ein Lob des Lehrers kann ängstlichen Schülern bereits helfen”, sagt der Schulpsychologe. Ist das Kind von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen, sollten Eltern untereinander Kontakt aufnehmen. Dunkel: „Man kann einen Mitschüler zum Spielen einladen oder ein gemeinsames Treffen vereinbaren.” Auch ein Elternabend könne für alle Beteiligten hilfreich sein, betont Beate Herpertz-Dahlmann.

Sind die Probleme massiv und stellt sich auch nach mehreren Unterrichtswochen keine Besserung ein, sollten Eltern zusammen mit ihrem Kind eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis aufsuchen. „Dort werden Strategien erarbeitet, mit denen die Ängste besser verarbeitet werden können”, sagt Herpertz-Dahlmann.

Dieses Angebot sollten auch Eltern nutzen, die ihrerseits Probleme haben loszulassen. „Das trifft manchmal bei Alleinerziehenden zu, die über Jahre ein extrem enges Verhältnis zu ihrem Kind aufgebaut haben”, berichtet die Professorin.

Die Expertin warnt außerdem davor, Schulschwänzer ohne Klärung der Ursachen zu bestrafen. „Auch das Fehlen in der Schule hat konkrete Ursachen.” Wer mit dem Unterrichtsstoff überfordert ist oder eine unerkannte Rechtschreibschwäche hat, kann durch einen Schulwechsel oder gezielte Förderung wieder Spaß an der Schule bekommen.

Manche Kinder fürchten sich vor älteren Schülern oder gleichaltrigen Klassenkameraden. „Einige trauen sich nicht in den Schulbus oder auf den Pausenhof”, berichtet Herpertz-Dahlmann. In diesem Fall sei der Kontakt zu Lehrern und anderen Eltern besonders wichtig. „Als praktische Hilfe kann vereinbart werden, dass sich zwei oder drei Mitschüler zusammen tun oder ältere Geschwister ein Auge auf die jüngeren haben.”

Kommen die Kinder ins Pubertätsalter, sollten Eltern sie zunehmend zur Selbsthilfe animieren, rät Lothar Dunkel. „Sie sollten aber immer interessiert bleiben, sich die Sorgen ihres Kindes anhören und Lösungsvorschläge machen.”

Meist würden die Jugendlichen ihre Probleme zwar allein klären wollen, bräuchten aber trotzdem den familiären Rückhalt. „Den kann man geben, indem man aufmerksam bleibt”, sagt der Psychologe. Dunkel schlägt vor, Familienrituale bewusst zu durchbrechen: „Eltern können in Krisenzeiten beispielsweise abends nochmal ins Zimmer ihres Kindes gehen und bewusst eine ´Gute Nacht´ wünschen.” Auch mit solchen kleinen Signalen könnten sie ihren Nachwuchs stärken.