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Mainz/Worms: Millionen Menschen leiden unter Sozialphobie

Mainz/Worms : Millionen Menschen leiden unter Sozialphobie

An ganz schlechten Tagen traute sich Gerhard Brubacher kaum noch auf die Straße. Wenn er einem Bekannten begegnete, hatte er Angst zu grüßen. „Ich dachte, ich nehme mir zu viel heraus”, erinnert er sich. Ähnlich wie der Winzer aus der Nähe von Worms werden neueren Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen in der Bundesrepublik von sozialen Ängsten gequält.

Einigkeit über die besten Methoden zum Kampf gegen die Sozialphobie herrscht in der Fachwelt bislang nicht.

Fachleute gehen davon aus, dass sieben bis elf Prozent der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens Symptome des Phänomens entwickeln, für das es erst seit den 1980er Jahren überhaupt einen Fachbegriff gibt. Darunter fallen mehrere hunderttausend Extremfälle. Die meisten Sozialphobiker vermeiden um jeden Preis, in Situationen zu geraten, die ihnen Angst machen. Die Furcht vor Gesprächen, Telefonaten oder Begegnungen verhindert in vielen Fällen eine berufliche Karriere oder auch nur den Aufbau eines Freundeskreises.

Die Statistik zeige, dass Frauen von den Ängsten etwas häufiger betroffen sind als Männer, sagt Professor Wolfgang Hiller von der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie der Universität Mainz. Hiller hat die Federführung bei einem Forschungsprojekt, das die Hilfsmöglichkeiten für Menschen verbessern will, die an Sozialphobie leiden. Im Gegensatz zu dem von der Pharmaindustrie vorangetriebenen Einsatz von Medikamenten sei die Psychotherapie bei sozialen Ängsten bislang wie ein Stiefkind behandelt worden.

Bei Personen mit Sozialphobie wird oft die gesamte Lebensführung eingeschränkt. In manchen Fällen können traumatische Schicksalsschläge, Mobbing am Arbeitsplatz oder der Erziehungsstil der Eltern die Sozialphobie auslösen. Bei anderen Betroffenen bleibt die Ursache jedoch völlig unklar. „Ein großer Teil der Menschen hat eine Arbeit, manche auch eine Familie”, erklärt Hiller. „Aber sie alle leiden sehr stark.”

Im Unterschied zu den Ängsten, die alle Menschen in bestimmten Situationen empfinden, werde bei Personen mit Sozialphobie unter Umständen die gesamte Lebensführung eingeschränkt. Oft fällt es Betroffenen schon schwer, einen Gesprächspartner überhaupt anzusehen: „Wenn ich versuche, Blickkontakt zu halten, blockiert mein Gehirn”, schreibt „rocky” aus Aachen in einem Internetforum, „das ist auch so, wenn ich was erklären möchte oder eine Frage stelle.”

Für Gerhard Brubacher wurde das Internet zum Segen. „Sozialphobiker sind sehr aktive E-mail-Schreiber”, erzählt er. Mit Hilfe des Internets habe sich inzwischen eine regelrechte Szene gebildet. Beim Chatten werden gemeinsame Treffen oder Unternehmungen verabredet.

Der 40-Jährige hat in Mannheim und Worms bereits drei Selbsthilfegruppen gegründet. Bei diesen Treffen reden manche Teilnehmer zum ersten Mal offen über ihre Probleme. Niemand muss sich mehr verstellen. Niemand muss sich über Dinge unterhalten, die gewöhnlich den Gesprächsstoff bei Partys liefern, einen Menschen mit sozialer Phobie aber nicht im Geringsten interessieren.

„Ein Sozialphobiker braucht ein Umfeld, dem er glaubt, dass es ihn angenommen hat”, sagt Brubacher. Soziale Angst sei nichts, wofür man sich schämen müsse, sondern wie eine Depression ein Zustand, den grundsätzlich jeder Mensch erleiden könne. Wenn diese Einsicht gesellschaftsfähig würde, hätten es die Betroffenen im Alltag vermutlich leichter.

Die Konfrontationstherapien, zu denen Psychotherapeuten oft raten, sieht er dagegen skeptisch. Es gebe genug Betroffene, die auf der Arbeit jeden Tag mit ihren Ängsten konfrontiert würden, ohne dass sich ihr Zustand dadurch bessere.

Weitere Informationen im Internet.