Brüssel: Lese- und Rechtschreibschwäche: Musiktherapie womöglich wirkunglos

Brüssel: Lese- und Rechtschreibschwäche: Musiktherapie womöglich wirkunglos

Zwischen einer Lese- und Rechtschreibschwäche und den musikalischen Fähigkeiten eines Menschen besteht kein direkter Zusammenhang.

Darauf weisen belgische Neurowissenschaftler nach der Auswertung von Studien hin, in denen die kognitiven Anforderungen beim Umgang mit Tönen und Worten untersucht wurden. Anders als häufig behauptet seien Musiktherapien daher kein erfolgversprechender Ansatz bei der Behandlung von Lese- und Rechtschreibschwächen, schreiben die Wissenschaftler um José Morais von der Freien Universität in Brüssel im Fachmagazin „International Journal of Arts and Technology” (Bd. 3, S. 177).

Die Wissenschaftler beziehen sich in ihrem Urteil auf die Auswertung von Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen einem Mangel an Musikalität und einer Leseschwäche hingewiesen hatten. Bei vielen dieser Studien entdeckten die Forscher formale Fehler und statistische Fehlschlüsse. Die aus den Ergebnissen gezogenen Folgerungen seien daher zweifelhaft.

Neuere Studien an gehörlosen Kindern hätten zudem gezeigt, dass diese durch Techniken wie das Lippenlesen sehr wohl in der Lage seien, ein differenziertes Sprech- und Sprachvermögen zu entwickeln, ohne jedoch ein Empfinden für Musik auszubilden.

Für die belgischen Kognitionswissenschaftler gibt es zwar Überschneidungen bei den Fähigkeiten der Arbeit mit Sprache und Musik, doch die Töne von Musik und die sogenannten Phoneme seien, was ihre Verarbeitung im Gehirn angehe, zwei unterschiedliche Größen. Unter Phonemen verstehen Linguisten die kleinsten für die Bedeutung relevanten Einheiten, aus denen Sprache zusammengesetzt ist. So hätten Phoneme im Gegensatz zu musikalischen Klängen bereits eine gewisse symbolische Bedeutung und bedürften einer Interpretation.

Bei Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche sei die Verarbeitung dieser Phoneme im Gehirn beeinträchtigt - eine Störung, die jedoch nicht mit der Wahrnehmung purer Klänge in Zusammenhang stehe, erklären die Forscher. Diese Aussage bestätigte sich auch in Tests, in denen die Wissenschaftler Probanden mit oder ohne Lese- und Rechtschreibschwäche Melodien beurteilen ließen.

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