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Aachen: Langes Warten auf Operation treibt Niederländer in deutsche Kliniken

Aachen : Langes Warten auf Operation treibt Niederländer in deutsche Kliniken

Die Broschüre der niederländischen Krankenkasse klingt eher nach Urlaub, denn nach Klinikaufenthalt: Im niedersächsischen Bad Bentheim gibt es niederländischsprachiges Personal und heimische Zeitungen für die Patienten aus Holland - die Zweitbettzimmer verfügen über Internetanschluss, Fernseher und Kühlschrank, wirbt der Versicherer Menzis.

Auch die Vorzüge des Kurortes Bad Bentheim werden gelobt, nicht aber zur Touristenwerbung. Weil es in den Niederlanden für etliche Operationen lange Wartelisten gibt, schließen holländische Krankenkassen Verträge mit Kliniken in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zur zügigen Behandlung ihrer Patienten.

„Die Wartelisten in den Niederlanden sind lang und es gibt dort im Verhältnis nur halb so viele Krankenhausbetten wie in Deutschland”, weiß der Verwaltungsleiter des Bentheimer Paulinenkrankenhauses, Gert de Groot. Seit langem schicken niederländische Kassen daher Patienten in die Klinik in Grenznähe. „Wir haben in Bad Bentheim einen natürlichen Zufluss von Patienten aus Enschede, Hengelo und Almelo”.

Die meisten kommen für Knie- und Hüftoperationen oder Eingriffe am Auge. In einem Pilotprojekt mit dem Versicherer Menzis sollen Niederländer nach der Operation nun für die gesamte Genesung in Bad Bentheim bleiben. „Wir sind guter Hoffnung, dass das so gut läuft, dass wir in Zukunft überdurchschnittlich viele Holländer behandeln”.

„Es setzt mittlerweile ein Nachfrageboom ein”, sagt Winfried Beilmann, der Geschäftsführer des Euregionalen Medizinischen Vereins. Elf Kliniken in Westfalen und Niedersachsen schlossen sich 2001 in dem Verein zusammen, um das Medizinangebot in der Grenzregion zu koordinieren.

„Einige hundert Patienten aus den Niederlanden werden pro Jahr in den Kliniken behandelt”, sagt Beilmann, der in der Geschäftsleitung des beteiligten Mathias-Spitals in Rheine arbeitet. „In erster Linie kommen Niederländer aus der Grenzregion, aber inzwischen gibt es Nachfrage auch aus dem Inland und Amsterdam.”

Das Problem der Wartelisten plagt die Niederländer bereits seit Jahren und zahlreiche Gesundheitsminister gelobten bereits Besserung - letztlich ohne dauerhaften Erfolg. Wartezeiten von bis zu fünf Monaten für eine Operation sind keine Seltenheit.

Das Allgemeine Krankenhaus im niederrheinischen Viersen brachte der Notstand jenseits der Grenze schon vor zehn Jahren dazu, per Zeitungsannonce in den Niederlanden um Patienten zu werben. Zur ambulanten Untersuchung kommen seitdem Niederländer in die Radiologie, berichtet Geschäftsführer Gerold Eckardt.

Die sprachlichen Barrieren seien relativ gering, da in Grenznähe Grundkenntnisse beider Sprachen vorhanden seien, sagt Beilmann. „Jeder kann irgendwie Platt, wir haben auch viele holländische Mitarbeiter im Hause”, sagt die Sprecherin des Marienkrankenhauses in Papenburg, wo Niederländer regelmäßig orthopädische Eingriffe vornehmen lassen.

Reibungslos wie die Kommunikation verläuft auch die Abrechnung der Behandlungen mit den niederländischen Krankenkassen. „Wir berechnen dieselben Sätze wie für die deutschen Kassen”, sagt Verwaltungschef de Groot in Bad Bentheim.

Für die neue integrierte Versorgung der Menzis-Versicherten sei praktisch eins zu eins ein Vertrag mit der AOK übernommen worden. „Es gibt keine großen Kostenunterschiede zwischen den Niederlanden und Deutschland”, meint Menzis-Sprecherin Jacquelien van de Pol. Bereits seit 2000 habe die Kasse wegen der Wartezeiten mit etlichen deutschen Kliniken Verträge geschlossen.

Der kleine Grenzverkehr aber ist keine Einbahnstraße. In Notfällen würden Deutsche auch in die Neurochirurgie ins niederländische Enschede geflogen, berichtet Beilmann. Für Patienten am Niederrhein schloss die AOK Rheinland-Hamburg bereits vor Jahren einen Vertrag zur Behandlung von Tumorpatienten in der Universitätsklinik Nijmegen.

Und im Dreiländereck bei Aachen, wo es eine Kooperation des Klinikums Aachen mit der Universitätsklinik Maastricht - unter anderem in einem gemeinsamen gefäßchirurgischen Zentrum - gibt, wird noch ein Schritt weiter geschaut. „Es wird ein weiterer Ausbau der Kooperation - denkbar als Fusion - der beiden Kliniken angestrebt”, sagt der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Hamburg, Wilfried Jacobs.