Freiburg: Künstliches Kniegelenk: Ersatz für ein wichtiges Scharnier

Freiburg: Künstliches Kniegelenk: Ersatz für ein wichtiges Scharnier

Sitzen, aufstehen, gehen. Beugen, strecken und drehen: Ob beim Treppensteigen oder beim Niederlegen zum Schlafen, das Kniegelenk ist immer im Einsatz. Das merkt man spätestens dann, wenn das größte Gelenk des menschlichen Körpers nicht mehr reibungslos funktioniert - und das gilt oft im Wortsinne, denn Knieprobleme entstehen meist, wenn Knochen auf Knochen reibt.

Das Knie ist die Verbindungsstelle zwischen Ober- und Unterschenkelknochen. Als Verbindungsglied wirkt die Kniescheibe. Sie überträgt die vom Oberschenkel ausgehende Kraft auf den Unterschenkel. Bänder und Sehnen sorgen dabei gleichermaßen für Flexibilität und Stabilität. Würden nun die Knochen direkt aufeinander reiben oder die Bänder und Sehnen ständig über die Knochenränder scheuern, wäre es mit der Haltbarkeit des Gelenks nicht weit her - man denke nur an die beliebte Filmszene, in der das Seil, an dem der Held über dem Abgrund baumelt, über den scharfkantigen Felsen scheuert.

Damit es Bändern, Sehnen und Knochen im Knie nicht ebenso ergeht, hat die Natur ein Puffersystem entwickelt. Dazu zählen Schleimbeutel, Fettkörper und die sogenannten Menisken, halbmondförmige Knorpel zwischen Ober- und Unterschenkelknochen. Mit der Zeit nutzen sich diese Puffer jedoch ab, bis irgendwann tatsächlich Knochen auf Knochen reibt. Das klingt nicht nur unangenehm, es fühlt sich auch so an: Ohne Puffer wird jede Bewegung von stechenden Schmerzen begleitet und schon alltägliche Aufgaben stellen unüberwindbare Probleme dar.

Betroffen seien immer mehr Menschen, berichtet Peter Helwig vom Universitätsklinikum Freiburg: „Da wir immer älter werden und häufig bis ins hohe Alter aktiv sind, treten auch die Abnutzungserscheinungen immer häufiger auf.” Die Folgen gehen über die rein körperlichen Beschwerden hinaus: „Knieprobleme führen in vielen Fällen dazu, dass sich die Menschen aus dem sozialen Leben zurückziehen.” Die Schwelle, sich operativ behandeln zu lassen, ist bei den Patienten jedoch sehr hoch, eher wird akzeptiert, dass man die Treppe eben nicht mehr hochkommt.

Vielleicht ist es auch der Fachbegriff „Kniegelenks-Endoprothese”, der viele so lange zögern lässt. Eine Prothese gilt als Synonym für Behinderung. Und eine Behinderung zu haben oder schlicht alt zu sein, ist für die meisten nach wie vor ein unangenehmes Eingeständnis. Das ist bedauerlich, denn „ein künstliches Kniegelenk erlöst die Betroffenen von dauerhaften Schmerzen und gibt ihnen ein hohes Maß an Lebensqualität zurück”, weiß Peter Helwig: „Die meisten meiner Patienten sagen nach der OP: Ach, hätte ich das doch schon früher machen lassen.”

Das künstliche Kniegelenk ist die häufigste Endoprothese nach dem künstlichen Hüftgelenk. Beides sind mittlerweile Standardoperationen und die technischen Voraussetzungen entsprechend gut. „Das künstliche Gelenk ähnelt dem menschlichen Knie und wird dem Patienten in der Größe angepasst. Da man immer versucht, möglichst viel Knochen zu erhalten, ist bei der Wahl der Prothese der Zerstörungsgrad des Gelenks ausschlaggebend”, erklärt Peter Helwig. „Man unterscheidet zwischen dem einseitigen Oberflächenersatz, dem kompletten Oberflächenersatz und dem vollständigen Gelenkersatz.”

Der einseitige Oberflächenersatz kommt immer dann zum Einsatz, wenn Bänder und Kniescheibe noch intakt sind, die Ober- und Unterschenkelknochen aber an einer Seite aufeinanderreiben und daher zerstört sind. Das ist beispielsweise bei X- oder O-Beinen häufig der Fall. Zunächst werden Knorpelreste und unförmige Knochenteile entfernt, dann wird die Prothese auf die zerstörte Seite des Oberschenkelknochens gesetzt. Auf den Unterschenkel wird ein Kunststoffblock aufgesetzt, über den die Prothese sanft hinweg gleitet, weshalb sie auch „Schlittenprothese” genannt wird.

Sind beide Seiten des Kniegelenks zerstört, aber mindestens noch die Seitenbänder intakt, wird die gesamte Oberfläche des Oberschenkelknochens und des Schienbeinkopfes mit einer künstlichen Oberfläche versehen, der sogenannten Oberflächenersatzknieprothese. Erst, wenn auch sämtliche Bänder zerstört sind, greift der Chirurg zum vollständigen Gelenkersatz. Der besteht aus zwei Teilen, die durch ein Scharnier verbunden sind.

Damit das künstliche Gelenk richtig hält, werden größere Teile des Knochens entfernt und die Prothese wird mit Hilfe langer Metallstifte im Knochen verankert.

Das hört sich schlimmer an, als es ist: „Lediglich das betroffene Bein wird mit modernen Anästhesieverfahren betäubt und ein Standardeingriff dauert gerade einmal zwischen 35 und 60 Minuten”, berichtet Joachim Grifka von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. „Der Patient kann und sollte bereits am nächsten Tag zum ersten Mal aufstehen. Nach acht Tagen stationärer Behandlung kann er in der Regel entlassen werden. Anschließend entscheidet er selbst, ob er eine ambulante oder eine stationäre Reha machen möchte.”

Bis das Knie auch beim Sport wieder belastet werden kann, vergehen oft nur drei Monate, lediglich in Ausnahmefällen muss man mal mit zwölf Monaten rechnen. „Grundsätzlich sollte der Patient vor allem Stopp-and-Go-Bewegungen und Stoßbelastungen vermeiden”, rät Joachim Grifka. Fußballspielen oder Springen sind also tabu. „Radfahren in ebenem Gelände ist hingegen sehr empfehlenswert, auch Schwimmen oder längere Spaziergänge tun dem Knie gut.” Und bereiten nicht länger Schmerzen, sondern endlich wieder Freude.

Kniegelenk: Pro und contra Operation

Im vergangenen Jahr wurden 155.000 Kniegelenksprothesen eingesetzt. „Zu viele”, meint Joachim Grifka von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie: „Deutschland hat international die höchste Rate an Endoprothesen.”

Der Direktor der Asklepios Klinikum Bad Abbach, der Orthopädischen Klinik der Universität Regensburg, zählt die Kriterien auf, die für eine Operation sprechen: „Wenn der Patient ständig Schmerzen hat und Medikamente braucht. Wenn die Nachtruhe aufgrund der Schmerzen gestört ist. Und wenn die Mobilität eingeschränkt ist, weil sich der Patient jeden Schritt überlegen muss. Selbst wenn der Knorpel bereits zerstört ist, gilt: Wer keine Schmerzen hat, muss nicht operiert werden!”

Wenn die Entscheidung für ein künstliches Kniegelenk gefallen ist, empfiehlt der Experte Patienten, sich nach dem zuständigen Operateur zu erkundigen: „Die Operation sollte nicht von einem Allgemeinchirurgen, sondern vom Orthopäden durchgeführt werden. Fragen Sie auch, wie viele Eingriffe in der Klinik pro Jahr vorgenommen werden.”

Denn davon hängt nicht nur die Erfahrung ab, sondern häufig auch, wie viele verschiedene Prothesenmodelle zur Verfügung stehen und wie fortschrittlich die Technik ist, die bei der Operation zum Einsatz kommt. Wurde bei der Operation alles richtig gemacht, kann sich der Patient in der Regel rund zehn Jahre eines funktionierenden Kniegelenks erfreuen. Ist der Kunststoffblock dann verschlissen oder hat sich die Prothese gelockert, werden Teile oder die ganze Prothese ausgetauscht.

Probleme merkt der Patient spätestens an den erneuten Schmerzen oder einem geschwollenen Knie. Damit jedoch erst gar keine neuen Schmerzen entstehen, sollte man den Sitz der Prothese alle zwei Jahre beim Orthopäden überprüfen lassen. Auch wer, beispielsweise durch einen Unfall, bereits in jungen Jahren eine Prothese benötigt, kann bis ins hohe Alter beweglich bleiben, denn die Prothese kann mehrfach gewechselt werden.

Literatur: Joachim Grifka: „Die Knieschule. Selbsthilfe bei Kniebeschwerden”, rororo, 2002, 9,95 Euro, ISBN: 978-3-499-61025-7

Ulrich Hinkelmann, Michael Fleischhauer: „Die Endoprothese”, Urban & Fischer bei Elsevier, 2007, 23,95 Euro, ISBN: 978-3437471902

Christian Lüring: „Künstliche Kniegelenke: Wege aus dem Schmerz”, Steinkopff-Verlag, 2008, 24,95 Euro, ISBN: 978-3798518308

Franz-Joseph Müller: „Gut leben mit dem neuen Kniegelenk: Wann eine Operation sinnvoll ist. Das leisten die neuen Materialien und Operationsmethoden” Karl F. Haug Fachbuchverlag, 2002, 12,95 Euro, ISBN: 978-3830430599