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Hamburg: Kinder mit „Omakrankheit”

Hamburg : Kinder mit „Omakrankheit”

Leon macht es sich auf dem Schoß seiner Mutter bequem, holt ein belegtes Brot aus einer blauen Plastikdose, spielt mit dem Besuchertelefon vor der Kinder- und Jugendrheumatologie im Krankenhaus in Hamburg-Eilbek. Gleich wird der Arzt ihn aufrufen. Leon ist sieben Jahre alt und er hat Rheuma.

Im März diagnostizierten die Ärzte die Krankheit an Leons Halswirbelsäule. Dabei war er damals nur in die Praxis gekommen, weil er nach stundenlangem Spielen im Freien einen steifen Hals hatte. Doch niemand konnte seine Beschwerden lindern. Erst nach drei Monaten, zahlreichen Arztbesuchen und Fehldiagnosen erkannte man den wahren Grund seiner Beschwerden.

„Manche Menschen erkranken an Rheuma, bevor sie es buchstabieren können”, heißt es auf einem Poster vor den Warteräumen der Station. Doch viele wissen nicht, dass auch Kinder von der „Omakrankheit” betroffen sein können. Leon ist bei weitem kein Einzelfall. „In Deutschland leiden zwischen 30.000 und 40.000 Kinder an Rheuma, über 1000 Neuerkrankungen werden pro Jahr gezählt”, sagt Ivan Foeldvari, Leiter der Kinder- und Jugendrheumatologie am AK Eilbek.

Auch der Rheumatologenkongress, der von diesem Mittwoch an in Hamburg tagt, beschäftigt sich mit dieser Patientengruppe. Was geschehen kann, wenn Rheuma bei Kindern zu spät erkannt oder unzureichend behandelt wird, weiß Prof. Gerd Horneff, Kinderrheumatologe an der Asklepios-Klinik Sankt Augustin.

„Rheuma verändert den Körper”, beschreibt der Experte. So könne es zu Gelenkdeformierungen oder Wachstumsstörungen wie verkürzten Gliedmaßen oder Verkrüppelungen führen. „Betroffene Kinder leiden an einem hohen Frustrationsgrad”, sagt Horneff. Ein anderes Problem, das zu Therapieverzögerungen führen kann: „Manche Medikamente sind nicht für Kinder zugelassen.”

Leon macht aber trotz seiner Krankheit einen vitalen Eindruck. Und das obwohl der siebenjährige Blondschopf direkt aus der Schule kommt und rund 20 Kilometer von Glinde nach Hamburg-Eilbek fahren musste. Praxen für Kinderrheumatologie sind rar. Die Umstellung seines Alltags war für Leon nach der Diagnose folgenreich. Aufgrund der Entzündung in seinem Hals darf er nicht Fußball spielen, nicht toben, nicht klettern und auch sein Lieblingshobby Judo musste er aufgeben.

Auch der 14-jährige Pascale aus Hamburg-Harburg musste seinen Lieblingssport wegen Rheumas abbrechen. Vor einem Jahr wurde eine rheumatische Erkrankung seiner Kniegelenke diagnostiziert. Mit seinem Fußballtraining im Verein ließ sich das nicht vereinbaren.

„Ich hatte so starke Schmerzen in Knien und Oberschenkeln, dass ich beim Gehen eingeknickt bin”, erzählt er. Manchmal schaffte er es nicht aus eigener Kraft die Treppe hoch in den ersten Stock. Inzwischen hat Pascale seine Krankheit jedoch gut im Griff und kann gelegentlich auch mal wieder Fußball spielen. Mit Tabletten kann er sich bei starken Schmerzen selbst helfen.

Diesen Sommer wurde Leon eingeschult. Eine Veränderung, die bei seiner Mutter Iris neue Bedenken auslöste. „Ich kann ihn nun einmal nicht in Watte packen”, seufzt sie. Doch bisher verlief alles problemlos. Nur beim Schulsport muss Leon manchmal von der Bank aus zusehen. Noch eineinhalb Jahre lang bekommt er wöchentlich Methotrexat gespritzt, ein entzündungshemmendes Antirheumatikum, damit sich sein Knochen regenerieren kann. Was danach kommt, sei noch ungewiss, berichtet seine Mutter.

Nach einer Stunde wird Leon die Wartezeit lang. Er fragt nach seinem Gameboy. Dann ruft der Arzt Leon auf, und für heute hat das Warten ein Ende.