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München/Düsseldorf: Kampfsport im Seniorenalter sorgt für bessere Koordination

München/Düsseldorf : Kampfsport im Seniorenalter sorgt für bessere Koordination

Kampfsport im Alter - das scheint für die meisten nicht zusammenzupassen.

Sie verbinden herumwirbelnde Arme und Beine nur mit gut trainierten Sportlern und Actionfilm-Helden wie Jackie Chan. Tatsächlich jedoch empfehlen Experten über-60-Jährigen, sich regelmäßig auf die Matte zu stellen und Karate, Judo, Jiu Jitsu und Tai Chi zu üben. „Im Alter lassen Kraft, Koordination und Ausdauer nach - mit Kampfsport kann man aber genau das sehr gut trainieren”, erklärt der Sportmediziner Martin Halle aus München.

Ludwig Prass kann das bestätigen. Der 89-Jährige betreibt seit seinem 15. Lebensjahr Judo und trainiert sich und seine Schüler noch heute mehrmals die Woche in der familieneigenen Schule in Düsseldorf. „Mein Alter macht sich natürlich bemerkbar”, sagt der Großmeister mit dem zehnten Dan. „Aber "Geht nicht" gibt es nicht.” Der Kampfsport helfe ihm, fit zu bleiben, ohne Gleichgewichtsstörungen über die Straße zu laufen und sich sogar gegen Übergriffe jüngerer Krimineller zur Wehr zu setzen.


Diese Vorzüge haben zahlreiche Vereine in Deutschland erkannt: Sie bieten vermehrt Judo-, Karate- und Jiu Jitsu-Kurse für Senioren an. Der Deutschen Karate Verband (DKV) war dabei einer der ersten, der Senioren als Zielgruppe entdeckte. „Durch den demografischen Wandel haben wir immer mehr ältere Mitglieder”, erklärt Elisabeth Bork vom Deutschen Karate Verband in Duisburg diese Neuorientierung. „Entscheidend ist auch, dass die älteren Menschen heute fitter als die älteren früherer Generationen sind. Das Alter allein sagt nicht alles über die Beweglichkeit der Menschen aus.”

Mittlerweile sei gut ein Fünftel ihrer Karatemitglieder über 50 Jahre alt, erzählt Bork. „Wir haben sogar Karateka über 80.” Beim DKV haben die beweglichen Senioren einen eigenen Namen: Sie sind die Jukuren. Dieser Begriff stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „die Erfahrenen”.

Auf das Alter muss man beim Training asiatischer Kampfsportarten trotzdem Rücksicht nehmen. „In den speziellen Jukurenkursen sind nur Menschen von etwa dem 50. Lebensjahr an”, erklärt Bork, die die Arbeitsgruppe Karate für Jukuren leitet. „Es ist nicht sinnvoll, mit Jugendlichen oder 20-Jährigen zusammen zu trainieren.” Vor allem werden in diesen Kursen besonders ruckartige Bewegungen und feste Tritte vermieden. Stattdessen stehen konzentriert ausgeführte, eher langsame Bewegungen im Vordergrund, die häufig wiederholt werden.

„Es geht um das Training der Übungen, nicht um einen Leistungsvergleich und die Teilnahme an Wettkämpfen”, sagt Bork. Dieser Ansatz orientiert sich am Vorbild der Senioren in Asien, die sich morgens zu Tai Chi und anderen Kampfsportarten in Parks treffen.

Diesen Ansatz begrüßt Martin Halle von der Technischen Universität München: „Körperkontakt sollte man im Alter bei jeder Kampfsportart meiden”, sagt der Sportmediziner. Der Schwerpunkt des Trainings sollte auf der Dehnung und Steuerung der Muskeln, der Koordination, der Konzentration und der Haltung liegen. „Es ist ab einem gewissen Alter einfach zu gefährlich, sich auf die Matte werfen zu lassen oder Gegner regelmäßig durch die Luft zu schmeißen.”

Wer das beachtet, kann von Kampfsport sehr profitieren. „Bisher wird den Menschen jeden Alters meist empfohlen, Ausdauersport zu betreiben”, sagt Halle. Das sei gerade für das Herzkreislaufsystem gut. „Doch je älter der Mensch wird, desto wichtiger wird der kräfteorientierte Bereich.” Denn nur, wenn der Körper stark genug ist, könne man sich weiterhin selbst versorgen und Einkäufe ohne Hilfe in die Wohnung tragen. „Außerdem hat man dann einen sicheren Gang und kann Stürze vermeiden.”

Für Judoka Prass, der zeitweise auch Polizisten ausbildete, hat Kampfsport im Seniorenalter noch einen weiteren Vorteil. „Es ist ein Trauerspiel, wie viele ältere Menschen wegen ihrer Geldbörse oder einfach aus Überheblichkeit überfallen und angegriffen werden und böse stürzen.” Kampfsport könne helfen, selbstbewusster aufzutreten und sich gegebenenfalls zu wehren.

„Dafür ist nicht viel Kraft notwendig”, betont Prass. „Ich bringe den älteren Anfängern als erstes immer eine ganz simple Übung bei: Wer von hinten umklammert wird, muss nach der asiatischen Kampfkunstlehre nur einen äußerst schmerzhaften Nervenpunkt am Ohr des Gegners drücken - und dafür reicht schon der Zeigefinger!”

Vor dem Training zum Gesundheits-Check

Wer erst im Alter mit Kampfsport anfängt, sollte sich vorher einem Gesundheits-Check unterziehen. „Eine medizinische Untersuchung ist unabdingbar”, sagt der Sportmediziner Martin Halle. Der Hausarzt oder ein Internist müsse das Herzkreislaufsystem testen und die Belastbarkeit prüfen. „Darüber hinaus muss ein Orthopäde klären, ob man alles gut bewegen kann und was gegebenenfalls besonders trainiert werden muss.” Diese Ergebnisse sollten Einsteiger dann am besten mit dem Kampfsporttrainer besprechen. „Nur so weiß dieser, was die individuellen Probleme und Gefahren sind.”