Hamburg/Berlin: Gesundheitsvorsorge: Warum das Geschlecht wichtig ist

Hamburg/Berlin: Gesundheitsvorsorge: Warum das Geschlecht wichtig ist

Männer werden anders krank als Frauen. Die genauen Ursachen dafür sind vielschichtig, und die Forschung steht in diesem Punkt noch am Anfang. Eins ist aber sicher: Geschlechtsspezifische Unterschiede haben einen großen Einfluss auf verschiedenste Krankheiten.

Das erfordert auch eine individuelle Gesundheitsvorsorge. Die Fortschritte in der Gender-Forschung tragen dazu bei, dass gerade die frühe Vorsorge auch für den Mann immer mehr zum Thema wird.

Auf der einen Seite spielten biologische Faktoren eine Rolle dabei, dass Männer und Frauen unterschiedlich krank werden, erklärt Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit und weltweit erster Professor für Männergesundheit an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Schon in der embryonalen Entwicklung sei das Hormon Testosteron sehr wichtig für den Mann. „Ab der Pubertät beginnt es dann, erneut große Auswirkungen auf den männlichen Körper zu haben.”

Eine andere Ursache liegt in der Psyche und Erziehung. Ein Mann denkt häufig, er müsse stark sein und dürfe keine Schwächen zeigen, sagt Sommer. Er sehe oft nicht die Notwendigkeit einer Vorsorgeuntersuchung. „Wir sagen gerne: Frauen betreiben Vorsorgemedizin, Männer hingegen Reparaturmedizin.” Laut einer Studie in sechs europäischen Industrienationen und den USA geben 79 bis 86 Prozent der Männer zwischen 40 und 80 Jahren an, fit oder topfit zu sein. „Die Realität sieht natürlich ganz anders aus.”

Ein dritter Punkt ist die genetische Struktur der Chromosomen. Der Mann hat nur ein X-Chromosom und damit weniger genetische Informationen. Entstehen hier Schäden, sei der Mann gefährdeter, weil die Frau prinzipiell noch auf ein zweites X-Chromosom ausweichen kann, erklärt Sommer.

Frauen besitzen aufgrund ihres doppelten X-Chromosoms einen viel größeren Reservepool: Sie haben etwa 1500 Gene für die Herz-, Hirn- und Lungenfunktion, sagt Prof. Vera Regitz-Zagrosek vom Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin. Beim Mann seien es gerade mal 78. „Darüber hinaus sind männliche Zellen anfälliger für Stressfaktoren.”

All diese Aspekte legen eine individuelle Vorsorge für den Mann nahe. Das Herzinfarkt-Risiko zum Beispiel ist beim Mann zwischen 45 und 60 Jahren viel höher als bei der Frau - etwa dreifach so hoch, sagt Sommer. Männer seien außerdem benachteiligter, da sich das Fett eher am Bauch ansammelt. „Das wiederum schüttet Hormone aus, die langfristig negativ auf den Körper wirken.” Männer litten in frühem und mittleren Erwachsenenalter auch stärker an Bluthochdruck.

Ganz wichtig seien Vorsorgeuntersuchungen, die Risikofaktoren und die familiäre Belastung mit einbeziehen, empfiehlt Regitz-Zagrosek. Gerade zwischen 20 und 30 könnten Männer ihren Lebensstil noch gut beeinflussen und negativen Folgen entgegenwirken. „Ich würde raten, in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, die gezielt an diesen Risikofaktoren arbeiten.”

Eben diese Faktoren beträfen vor allem das Herz-Kreislauf-System und das Krebsrisiko, ergänzt Sommer. Darüber hinaus sollten bei einer U-25-Vorsorgeuntersuchung der Ernährungsstatus, die körperliche Aktivität, der Bauchumfang sowie grundlegende Laborwerte untersucht werden. Auch psychische Krankheiten seien von Bedeutung: „Die Depression zum Beispiel wird bei Frauen viel leichtfertiger diagnostiziert als beim Mann.”

Aber auch der Gesundheits-Checkup mit 35 Jahren sollte von mehr Männern in Anspruch genommen werden, rät Prof. Lothar Weißbach von der Stiftung Männergesundheit in Berlin. Die neue Leitlinie zur Früherkennung des Prostatakarzinoms sehe die erste Untersuchung im Alter von 40 Jahren vor. Bei väterlicher Belastung sollte jährlich kontrolliert werden. Und bei familiärer Disposition für Darmkrebs werde die erste Untersuchung besser nicht erst mit 55 Jahren gemacht.

Die Vorsorgeuntersuchung mit 25 und der Gesundheits-Checkup mit 35 sind bezahlte Kassenleistungen, sagt Andre Vogel von der Unabhängigen Patientenberatung Kiel. Generell sei es für einen Patienten angesichts der Fülle an Vorsorgeuntersuchungen aber schwierig zu sagen, welche wirklich erforderlich sind. „Die Ärzte legen gerne Untersuchungen ans Herz, deren medizinische Notwendigkeit sich häufig nicht so eindeutig darstellt.”

Erscheint die Erklärung zweifelhaft, sollte der Betroffene eine zweite Meinung einholen. Das gilt zum Beispiel für die umstrittene Prostatauntersuchung. Bei ihr ist oft unklar, ob ein festgestellter Tumor gut- oder bösartig ist und er sich überhaupt zu Lebzeiten des Betroffenen bemerkbar machen wird.

Im Gegensatz zu den Frauen, die eine kontinuierliche ärztliche Betreuung beim Frauenarzt haben, klaffe bei den Männern eine große Versorgungslücke, sagt Weißbach. Das führt häufig dazu, dass Symptome ignoriert werden und Ängste entstehen. Für den Arzt ergebe sich dann das Problem, dass der männliche Patient keine Ausgangswerte mitbringt, ergänzt Sommer. Zwar werde Vorsorge heute schon häufig als Stärke angesehen und nicht mehr als Schwäche. „Das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Gesundheitsvorsorge bei Männern setzt sich aber eher mühsam durch.”

Weitere Informationen:

Rund 1000 zertifizierte Ärzte für Männergesundheit gibt es in Deutschland. Aber auch der Gang zum Urologen, Allgemeinmediziner oder hausärztlichen Internisten bietet sich für die Vorsorge an.