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Bonn/Neumünster: Gefährlich: Mangelernährung im Alter

Bonn/Neumünster : Gefährlich: Mangelernährung im Alter

Im Alter essen wir weniger als in jungen Jahren. Der Körper braucht ja auch weniger Energie. Doch viele ältere Menschen essen zu wenig und sind daher unterernährt. Oder der Speiseplan ist einseitig und nährstoffarm. Beide Formen der Mangelernährung können gravierende Folgen haben.

Wichtige Organe wie Herz und Lunge werden durch die fehlenden Nährstoffe geschwächt, die Infektanfälligkeit steigt, die Muskelkraft schwindet und die Gefahr von Stürzen wächst. Damit es soweit nicht kommt, muss bei den ersten Anzeichen von Mangelernährung gegengesteuert werden.

„Es gibt leider keinerlei repräsentative Daten, wie viele ältere Menschen in Deutschland von Mangelernährung betroffen sind. Nach Studien aus einzelnen Heimen sind es mal 20, aber auch mal mehr als 50 Prozent”, sagt Ester Schnur, Ökotrophologin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn. Die Deutsche Seniorenliga geht davon aus, dass rund 15 Prozent der zu Hause lebenden Senioren und bis zu 65 Prozent der in Alten- und Pflegeheimen lebenden Senioren an Mangelernährung leiden.

Die Betroffenen selbst merken oft nicht, dass ihre Gesundheit gefährdet ist. „Nur wenn alle Verantwortlichen auf dem Gebiet der Seniorenernährung - Angehörige, Ärzte, Pflegekräfte, Hauswirtschafts- und Küchenfachkräfte - für diese Problematik sensibilisiert sind, und bereits bei den ersten Anzeichen aktiv werden, kann den Betroffenen geholfen werden”, sagt DGE-Referentin Schnur.

Die Anfänge dieses schleichenden Prozesses sind jedoch leicht zu übersehen. „Wenn vorhandene Kleidung zu weit wird, plötzlich ein Gürtel benötigt wird, Zahnprothesen nicht mehr passen, Ringe locker sitzen, Knochen hervorstehen, häufig Reste auf dem Teller gelassen werden oder sich in der Haut - vor allem im Mundbereich - Risse zeigen, sollte man eingreifen”, sagt Henry Kieschnick, Referent für Pflegeorganisation beim Kuratorium Deutsche Altenhilfe (KDA) in Köln.

Eingreifen heißt: die Ursachen suchen, beheben oder zumindest verringern. Viel ist in altersmäßigen Veränderungen des Körpers begründet. „Geschmacks-, Geruchs- und Durstempfinden lassen nach”, erklärt Prof. Hans-Joachim Naurath, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation am Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster. Gleichzeitig ist der Magen immer weniger dehnbar und signalisiert früher ein Sättigungsgefühl.

Beschwerden bei der Nahrungsaufnahme hemmen den Appetit zusätzlich: „Die Speichelproduktion verringert sich, Schlucken fällt schwerer”, sagt Barbara Heidemann, Ernährungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. „Häufig sorgen schlecht sitzende Prothesen für Kauprobleme.” Damit wird ein Stück Fleisch zum Hindernis - zumal wenn auch noch die Hände etwas zittern.

Erschwerend kommen Krankheiten hinzu: „Erkrankungen der Verdauungsorgane, aber auch neurologische Erkrankungen wie Demenz erhöhen das Risiko der Mangelernährung”, sagt KDA-Referent Kieschnick. Viele Medikamente behindern die Aufnahme bestimmter Nährstoffe oder lähmen den Appetit. Und schließlich macht Alleinessen keinen Spaß.

Eine der wichtigsten Devisen lautet deshalb: Appetit machen. „Das fängt dabei an, dass Rituale wie ein Gebet zu Beginn des Essens bedacht und Vorlieben für bestimmte Gerichte berücksichtigt werden”, rät Kieschnick. Wenn die Lieblingsspeise nicht mehr schmeckt oder nicht mehr vertragen wird, gilt es, zur Suche einer neuen Speise zu motivieren. Appetit hemmende Medikamente lassen sich möglicherweise ersetzen, Kauprobleme durch den Gang zum Zahnarzt mindern.

„Im Alter sollten regelmäßig vier bis fünf bedarfsgerechte und ausgewogene Mahlzeiten am Tag eingenommen werden”, empfiehlt Prof. Naurath. „Da der Nährstoffbedarf im Gegensatz zum Energiebedarf nicht abnimmt, muss der Körper mit besonders hochwertigen Nährstoffen versorgt werden.” Statt weitgehend Menüs sind Getreide- und Vollkornprodukte, Obst, Gemüse und fettarme Milchprodukte gefragt. Fett und Alkohol hingegen sollten in Maßen konsumiert werden.

Auch das Trinken darf nicht zu kurz kommen. 1,5 bis 2 Liter am Tag sind das Minimum. „Damit müssen ältere Menschen gegen das fehlende Durstempfinden antrinken. Das wird am besten schon Jahre vorher trainiert”, schlägt Ernährungsberaterin Heidemann vor. Am besten steht die Getränkeportion des Tages an einem Platz bereit, wo man immer wieder vorbeikommt.

Beim Einkauf ist oft praktische Hilfe gefragt. Die Wege zu den Supermärkten auf der Grünen Wiese sind weit, die Mobilität nimmt ab. Die Vielfalt in den Regalen ist verwirrend. „Im Idealfall wird ein Wochenplan aufgestellt und danach eingekauft. Wenn dies keine Angehörigen erledigen können, lässt es sich über einen ambulanten Pflegedienst, eine Sozialstation oder die Nachbarschaftshilfe der Kirche organisieren”, schlägt Heidemann vor. Wenn die neuen Vorräte in den Schrank geräumt werden, sollte dann auch ein Blick auf Eingelagertes geworfen werden. Haltbarkeitsdaten sind oft schwer leserlich und werden außerdem leicht vergessen.

Gegen Einsendung eines adressierten und mit 90 Cent frankierten Rückumschlags ist die Broschüre „Fit im Alter” bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung erhältlich (Godesberger Allee 18, 53175 Bonn).