Berlin: Frühlingsboten plagen Autofahrer: Ab Ostern erhöhtes Risiko

Berlin: Frühlingsboten plagen Autofahrer: Ab Ostern erhöhtes Risiko

Für den Diplom-Meteorologen Thomas Dümmel läuft der Countdown. „Wenn das Thermometer zwei bis drei Tage lang auf über 15 Grad Celsius steht, fliegen die Pollen los”, weiß der Wissenschaftler an der Freien Universität (FU) in Berlin.

„Spätestens Ostern kommt der Frühling”, lautet seine Prognose, in westlichen und südlicheren Regionen womöglich schon eher. Damit beginnt wieder die Leidenszeit für Pollen-geplagte Allergiker. Sind triefende Nasen, juckende Augen, Abgeschlagenheit und mangelndes Konzentrationsvermögen an sich schon unangenehm genug, können sie für Autofahrer sogar gefährlich werden.

Etwa jeder fünfte Erwachsene in Deutschland ist von Heuschnupfen geplagt. So ganz genau weiß das niemand. Was aber klar ist, Pollen-geplagte Allergiker bewegen sich im Straßenverkehr mit erhöhtem Risiko. Bei Tempo 100 legt man während eines heftigen Niesers gut 30 Meter unkontrolliert zurück. Aber auch tränende Augen sowie juckende Nasenschleimhäute nagen an der im Straßenverkehr notwendigen Konzentration.

Sie sind viele, und sie sind überall. Vor den Blütenpollen gibt es kein Entkommen: Eine einzige Roggenähre streut über vier Millionen Pollenkörner.

Die winzigen Partikel genügen, um eine heftige Abwehrreaktion in Gang zu bringen. Die Folgen von Pollen-Attacken haben Forscher an den Universitäten von New York dokumentiert.

Heuschnupfenpatienten wurden während der Saison in einem mehrstündigen Test mit Aufgaben aus dem täglichen Leben, aber auch mit Notfallsituationen konfrontiert.

„Bei 25 gemessenen Leistungsparametern wurde in sechs Fällen ein deutlich reduziertes Leistungsvermögen festgestellt”, berichtet der HNO-Spezialist und Allergologe am Universitätsklinikum Köln, Ralph Mösges. Alfred Fuhr vom AvD-Institut für Verkehrssoziologie legt nach: „Fachleute bestätigen, dass allergiegeplagte Autofahrer im Straßenverkehr mindestens so gefährlich sind wie alkoholisierte.”

Was tun? Zunächst einmal gibt es inzwischen sehr wirksame Medikamente. Doch hier heißt es, sorgsam den Beipackzettel zu lesen und den Arzt zu fragen, um durch unerwünschte Nebenwirkungen nicht den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

„Grundsätzlich”, rät Benedikt Folz, Chefarzt an der zum Medizinischen Zentrum für Gesundheit gehörenden HNO-Klinik der Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe, „sollten Autofahrer nur solche Präparate einnehmen, die auch für Piloten zugelassen sind”.

Wer am Steuer von einem „Allergie-Schub” überrascht wird, sollte die Fahrt aus Sicherheitsgründen sofort abbrechen, empfiehlt Frank Volk vom TÜV Süd.

Aber auch schon vor Fahrtantritt kann man vorsorgen, indem man die Fenster und das Schiebedach beim Fahren geschlossen hält und die Lüftung ausgeschaltet bleibt.

Wenig zweckmäßig ist es, längere Zeit auf Umluft zu schalten, weil dann die Scheiben beschlagen. Erleichterung bringt es, einen Pollenfilter, besser noch einen Kombifilter mit Aktivkohle zu verwenden. Dieser hält neben Pollen auch Ruß und Staub sowie Abgase vom Innenraum fern.

Solche speziellen Filter für Auto-Lüftungsanlagen können aus der Zuluft zum Innenraum Partikel von nur einem Mirkometer - das ist Bazillengröße - herausfiltern. Weil aber Filter sich mit der Zeit zusetzen, müssen sie etwa alle 15.000 Kilometer ausgetauscht werden, um eine optimale Wirkung zu behalten.

Die Filtereinsätze sind im Fachhandel erhältlich. Wer sein Auto regelmäßig in der Wartung hat, kann davon ausgehen, dass die Filterleistung ausreichend ist, weil die Inspektionsvorgabe einen regelmäßigen Wechsel enthält.

Generell sollte der Filter einmal im Jahr ausgetauscht werden. Hilfreich ist es zudem, die Klimaanlage auf kühl zu stellen, da die Beschwerden dann leichter zu ertragen sind. Beim Parken sollte man beachten, dass Bäume nicht nur Schatten spenden, sondern ebenso Pollen aufs Fahrzeug regnen. Und bei der Rückkehr zum geparkten Auto sollten Mantel oder Jacke besser im Kofferraum verstaut werden, damit sich die anhaftenden Pollen vom Spaziergang nicht auf der Rücksitzbank verteilen könnten.

Das alles kann helfen, doch die Gefahr wächst. Zunehmend, berichtet Meteorologe Dümmel, bereitet sich eine Pflanze aus, die ein wahrer Alptraum für Allergiker ist: die Ambrosia.

„Ambrosiapflanzen besitzen das weltweit stärkste Pollenallergen und sind um ein Vielfaches aggressiver als unsere Erlen-, Hasel-, Birken- oder Gräserpollen”, sagt Dümmel.

Daher genügen zirka zehn Pollenkörner pro Kubikmeter Luft, um bei Allergikern neben tränenden Augen, Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Heuschnupfen schwere Symptome wie Atemnot und Asthma auszulösen.

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