Baden-Baden/Bad Nenndorf: Fibromyalgie-Patienten: Wenn die Seele weh tut

Baden-Baden/Bad Nenndorf: Fibromyalgie-Patienten: Wenn die Seele weh tut

Sie haben am ganzen Körper Schmerzen, jeden Tag, rund um die Uhr - und niemand glaubt ihnen. Ein Alptraum. Aber Tausende Menschen haben diese Erfahrung bereits machen müssen oder machen sie gerade: Für ihre Schmerzen gibt es keine bekannte körperliche Ursache.

Dennoch ist das Leiden keine Einbildung, da sind sich Experten einig. Sie gaben der Krankheit auch einen Namen: Fibromyalgie, auch generalisiertes Weichteilrheuma genannt.

Selten dürfte ein Name einen solchen Wert für die Patienten haben, wie im Fall der Fibromyalgie. Denn wenn diese Diagnose gestellt wird, haben viele schon eine wahre Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich, mussten sich verspotten und beschimpfen lassen, haben Freunde oder Partner verloren und begannen nicht selten, am eigenen Verstand zu zweifeln.

„Sie haben Fibromyalgie, Ihre Schmerzen sind echt”, diese Worte können eine Erlösung sein, das weiß auch Christoph Fiehn. Der Chefarzt des Rheumazentrums Baden-Baden, einem akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg, bestätigt, dass sich die Leidensgeschichten von Fibromyalgie-Patentienten oft sehr ähneln: „Wenn die Schmerzen das erste Mal zuschlagen, führt der Weg die meisten Menschen zum Hausarzt. Dieser untersucht den Patienten von Kopf bis Fuß, kann jedoch nichts Auffälliges feststellen. Wenn der Patient Glück hat, kennt der Arzt das Krankheitsbild Fibromyalgie und weiß die beschriebenen Symptome richtig einzuordnen.”

Meist rät der Doktor jedoch lediglich, zunächst einmal abzuwarten, verschreibt vielleicht ein paar Schmerztabletten und schickt den Patienten wieder nach Hause. Aber die Schmerzen verschwinden nicht und auch die Tabletten bringen kaum Linderung. Also geht der Patient zum nächsten Arzt, in der Hoffnung, dass dieser etwas findet, was sein Vorgänger übersehen hat.

Fehlanzeige, auch bei der nächsten Untersuchung sind weder eine Erkrankung noch eine Verletzung feststellbar. Damit beginnt die Odyssee, die die Leidenden solange von Arzt zu Arzt führt, bis zumindest irgendetwas diagnostiziert wird. „In ihrer Verzweiflung lassen sich viele auf jede noch so absurde Behandlung oder sogar auf unnötige Operationen ein”, erzählt Christoph Fiehn.

Dabei sind es nicht nur die Schmerzen, die den Betroffenen das Leben zur Hölle machen. Mindestens ebenso schlimm wirkt sich die Krankheit auf das Seelenleben aus: „Da keine Ursache für die Schmerzen gefunden wird, reagieren Partner und Freunde mit der Zeit zunehmend gereizt auf die Klagen der Leidenden, werfen ihnen vor zu simulieren, sich vor Aufgaben drücken oder Aufmerksamkeit erpressen zu wollen. Das geht oft so weit, dass viele Patienten an ihrem eigenen Verstand zweifeln und depressiv werden”, beschreibt Wolfgang Brückle, Chefarzt der Rheuma-Klinik Bad Nenndorf, wie die Krankheit das Privatleben der Menschen verändert.

Nicht wenige Ehen, Freundschaften und Menschen sind an der Fibromyalgie zerbrochen, auch der volkswirtschaftliche Schaden durch Arbeitsausfälle ist enorm. Umso erschreckender findet Wolfgang Brückle, dass viele Ärzte die Krankheit nicht kennen oder ihre Existenz leugnen. „Die Fibromyalgie betrifft rund zwei Prozent der Bevölkerung - und zwar weltweit, nicht nur in Deutschland! Es handelt sich also keineswegs um eine typische Zivilisationskrankheit, die nur verweichlichte Mitteleuropäer betrifft”, betont der Rheuma-Experte.

Auch Zweifel an der Echtheit der Schmerzen sind heute nicht mehr angebracht: „In klinischen Studien konnten im Nervenwasser von Fibromyalgie-Patienten eindeutig Schmerzbotenstoffe festgestellt werden”, berichtet Christoph Fiehn. „Bei den Betroffenen sind zudem eben die Gehirnbereiche aktiv, die für die Schmerzübermittlung zuständig sind, das haben Untersuchungen im Magnetresonanztomographen gezeigt.” Mittels dieses Instruments kamen Forscher zudem dem Geheimnis der Fibromyalgie auf die Spur: Der Krankheit liegt im Wesentlichen eine extreme Überempfindlichkeit zugrunde. Die Patienten, vorwiegend Frauen, reagieren beispielsweise bereits auf leichten Druck mit heftigem Schmerz.

Diese Überempfindlichkeit ist psychosomatischer Natur, auf psychische Probleme folgen also körperliche Symptome. „Vergleicht man die Lebensgeschichten, waren alle Betroffenen in bestimmten Lebensabschnitten, meist der Kindheit, psychisch überfordert”, erklärt Wolfgang Brückle. „Entweder haben sie Ablehnung und/oder Gewalt erfahren oder sie standen unter enormen Leistungsdruck.” Da seelische Probleme die Fibromyalgie verursachen, setzt hier auch die Behandlung an: psychotherapeutische Sitzungen sind Hauptbestandteil jeder Therapie. „Für Fibromyalgie-Patienten ist es zudem entscheidend zu sehen, dass sie nicht allein sind.

Deshalb sind Selbsthilfegruppen ein wichtiges Behandlungsinstrument”, sind sich Christoph Fiehn und Wolfgang Brückle einig. Gespräche mit Leidensgenossen stärken das Selbstvertrauen und ermöglichen es den Betroffenen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Sie müssen vor allem eines lernen: Der Schmerz ist Teil meines Lebens, aber er bestimmt mein Leben nicht - denn eine vollständige Heilung gibt es für viele Fibromyalgie-Patienten nicht.

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