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Leinfelden: Falscher Umgang mit dem Unbekannten

Leinfelden : Falscher Umgang mit dem Unbekannten

Kleiner Test: Was halten Sie spontan für die größere Bedrohung - BSE oder parfümiertes Lampenöl? Schaut man sich an, wie viel Geld für die Risikovermeidung in beiden Fällen ausgegeben wird, ist die Sache klar.

Um einen Fall der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) zu vermeiden, die durch den BSE-Erreger beim Menschen hervorgerufen werden kann, braucht man Berechnungen zufolge eine Milliarde Euro - für Desinfektions- und Sterilisationsmaßnahmen in Operationssälen, für BSE-Tests bei Rindern, für die Umsetzung von Haltungs- und Hygienevorschriften in der Landwirtschaft, für die Medikamenten- und Testentwicklung, für Sicherheitsmaßnahmen bei Blutspenden und so weiter. Parfümiertes Lampenöl dagegen darf mittlerweile zwar nicht mehr für den Hausgebrauch verkauft werden, groß angelegte Aktionen oder Kampagnen gab es dazu jedoch nicht - entsprechend niedrig sind die entstandenen Kosten anzusetzen.

Das persönliche Empfinden unterstützt diese Zahlen. Es sagt klar: BSE ist gefährlicher. Doch Wirklichkeit und gefühltes Risiko klaffen in diesem Fall deutlich auseinander, wie die Zeitschrift „bild der wissenschaft” in ihrer November-Ausgabe berichtet: In Deutschland starben in den vergangenen Jahrzehnten fünf Menschen an einer Vergiftung durch Lampenöl, meist Kinder, die die bunten duftenden Flüssigkeiten für Saft hielten - und kein einziger an vCJK.

Nicht nur BSE stellte sich im Nachhinein als weitaus weniger gefährlich heraus als ursprünglich angenommen, auch im Fall von Vogel- und Schweinegrippe, der Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull oder dem Jahr-2000-Problem bei Computern blieb die Katastrophe aus - die öffentliche Hysterie jedoch nicht.

Stagnation nach dem ersten Schritt

Die Diskrepanz zwischen tatsächlicher und gefühlter Gefahr entsteht vor allem durch den falschen Umgang mit Statistiken, vorhandenen Daten und Wahrscheinlichkeiten durch Medien, Politiker und andere Verantwortliche, ist der Mathematiker und Risikoforscher Gerd Antes von der Universität Freiburg überzeugt. Es geht dabei ihm dabei allerdings nicht um die Vorsichtsmaßnahmen, die beim Bekanntwerden einer potenziellen Gefahr ergriffen werden - die sind meist angemessen und auch notwendig. „Im Falle völliger Unsicherheit - wie beim ersten Auftreten der Schweinegrippe in Mexiko - kann es richtig sein, vom schlimmstmöglichen Szenario auszugehen”, betont er. Das Problem tritt erst danach auf: Sobald nämlich belastbare Daten vorliegen, muss dieses Szenario angepasst werden - und das unterbleibt in vielen Fällen,

Wie bei der Schweinegrippe: Als in Deutschland die Grippesaison im Oktober 2009 begann, war auf der Südhalbkugel der Winter und mit ihm die Grippesaison bereits vorbei, ohne dass es zu massenweise Todesfällen gekommen wäre. Statt aber diese Tatsache als Grundlage ihrer Berichterstattung zu benutzen, entschieden sich die meisten Medien für eine extreme Dramatisierung der Krankheit: Sie stellten Einzelschicksale in den Mittelpunkt, brachten emotionale Reportagen und verbreiteten gezielt einzelne Informationen, während andere totgeschwiegen wurden. Die Folge: Obwohl jedes Jahr 8000 bis 10.000 Menschen an der normalen Grippe sterben, während die Schweinegrippe in Deutschland insgesamt 258 Todesopfer forderte, war es letztere, die viele aus Angst vor Ansteckung von Weihnachtsmärkten oder Versammlungen fernhielt.

Ängste und Emotionen prägen das individuell gefühlte Risiko

Auch die Politik war hier wie in vielen Fällen keine große Hilfe: „Man hatte vor allem im Blick, dass man später nicht vom Bürger beschuldigt werden kann, wenn etwas schief geht”, moniert der bekannte Risikoforscher Gerd Gigerenzer. Erleichtert wird diese Haltung durch die meist immense Komplexität der Statistiken und Daten, denn die ermöglicht es erst, Ergebnisse verzerrt oder selektiv darzustellen.

Und selbst wenn die Zahlen richtig vermittelt werden, bleibt der Umgang damit problematisch - schließlich schätzt kaum jemand ein Risiko nur anhand einer ohnehin schwer fassbaren Wahrscheinlichkeit ab, schreibt „bild der wissenschaft”. Eine wichtige Rolle dabei spielen auch Gefühle, Ängste und die persönliche Wahrnehmung. So wird das Risiko für einen Flugzeugabsturz im Vergleich zum tödlichen Autounfall vor allem überschätzt, weil man das Gefühl hat, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein - und weil bei einem Absturz gleich viele Menschen auf einmal ums Leben kommen, während sich die tödlichen Unfälle auf einen größeren Zeitraum verteilen. Und BSE erscheint nicht zuletzt deswegen so gefährlich, weil die vCJK-Patienten einen sehr qualvollen und entwürdigenden Tod sterben.

Der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten muss erlernt werden

Vermeiden oder zumindest verringern kann man diesen Effekt nur, wenn man die „Risikomündigkeit” jedes Bürgers stärkt - ihn also im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risikoabschätzungen vertraut macht, ist Gigerenzer überzeugt: „Schon in der ersten Schulklasse sollte man Kindern auf spielerische Weise ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten und Risiken vermitteln”, empfiehlt er. Sein Kollege Michael Zwick, Soziologe und Risikospezialist von der Universität Stuttgart, plädiert zusätzlich dafür, Expertenerkenntnisse und Wünsche oder Ängste der Öffentlichkeit gezielt zusammenzuführen, etwa in Bürgerforen. Voraussetzung sei allerdings, dass die Experten so unabhängig wie möglich seien, betont er.

Schlussendlich darf jedoch auch die richtige Risikokommunikation nicht fehlen: „Wichtig ist, dass Wissenschaftler, Politiker oder Institutionen Unsicherheiten einräumen und offen mitteilen, wie sie zu einer Risikoeinschätzung gekommen sind”, lautet dabei das Rezept von Reiner Wittkowski, Vizepräsident des Bundesinstituts für Risikobewertung - erst das schaffe das Vertrauen, das für eine nüchternen Umgang mit einem Risiko notwendig ist.