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Berlin/Hamburg: Der Krebs des jungen Mannes: Früherkennung von Hodenkrebs

Berlin/Hamburg : Der Krebs des jungen Mannes: Früherkennung von Hodenkrebs

Siebenmal in Serie hat er die Tour de France gewonnen. Und trotzdem war Lance Armstrongs Tour des Lebens eine andere: sein Kampf gegen den Krebs. Als bei Armstrong Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde, war er gerade mal 25 Jahre alt.

Damit ist der amerikanische Radprofi nicht allein: Obwohl er grundsätzlich selten vorkommt, ist der Hodenkrebs bei Männern in diesem Alter bei weitem die häufigste Krebsart. Der Tumor ist aber durch eine regelmäßige Selbstuntersuchung oft frühzeitig erkennbar und dann in den allermeisten Fällen auch heilbar.

Um es gleich vorwegzunehmen: Exzessives Radfahren auf harten Sätteln erhöht das Hodenkrebsrisiko nicht. Hingegen ist das Alter ein bedeutender Risikofaktor, denn Hodenkrebs tritt meistens bei Männern zwischen 20 und 40 Jahren auf. „Besonders betroffen sind zudem Männer, die als Kind einen Hodenhochstand hatten. Sie haben ein bis zu 30-fach erhöhtes Krebsrisiko”, sagt Mark Schrader, Leitender Oberarzt der Poliklinik für Urologie an der Charité in Berlin.

Je später der Hoden in den Hodensack absteigt, umso größer ist das Krebsrisiko. Eltern betroffener Jungen sollten diese darum im Erwachsenenalter über den zusätzlichen Risikofaktor informieren. Neben Männern mit Hodenhochstand haben laut Schrader auch Brüder und Söhne von Erkrankten und Männer mit Down-Syndrom ein erhöhtes Krebsrisiko.

„In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 10 von 100.000 Männern an Hodenkrebs. Das sind rund 4800 Neuerkrankungen im Jahr”, erläutert Schrader. Anzeichen für eine Hodentumorerkrankung seien Verhärtungen, Schwellungen und Schmerzen im Hoden. Auch ein hormonell bedingtes Anschwellen oder Schmerzen der Brustdrüsen kann ein Signal sein, das auf einen Hodentumor hinweist. Schrader betont aber, dass einzelne Symptome nicht nur durch einen Hodentumor, sondern auch durch andere Krankheiten, wie zum Beispiel eine Nebenhodenvergrößerung, ausgelöst werden könnten.

Um die Alarmsignale möglichst frühzeitig zu erkennen, sollte jeder Mann ab dem 16. Lebensjahr ein- bis zweimal im Monat seine Hoden auf mögliche Veränderungen untersuchen. „Am besten macht man die Untersuchung unter der Dusche oder entspannt in der Badewanne und tastet dabei beide Hoden sorgfältig nach Verhärtungen ab”, sagt Professor Carsten Bokemeyer, Direktor der Abteilung Onkologie und Hämatologie am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Die Untersuchung ist einfach durchführbar, weil der Hoden gut zugänglich und nicht in Fettgewebe eingebettet ist.

Wer bei der Selbstuntersuchung tatsächlich ungewöhnliche Veränderungen am Hoden feststelle, müsse aber nicht in Panik geraten. „Es ist sicher nicht nötig, gleich den Notarzt zu rufen. Aber man sollte einen Arztbesuch auch nicht auf die lange Bank schieben, sondern innerhalb von ein bis zwei Wochen den Urologen aufsuchen”, sagt Bokemeyer.

Der Arzt tastet dann den Hoden ab und macht eine Ultraschalluntersuchung. Außerdem misst er im Blut bestimmte Eiweißwerte. Erhöhte Werte dieser sogenannten Tumormarker sind laut Bokemeyer weitere Hinweise auf das Vorliegen eines Hodentumors. Möglicherweise werde der Urologe auch den Hoden freilegen, um eine Gewebeprobe zu entnehmen.

Der untersuchende Arzt kann eine Diagnose normalerweise innerhalb kurzer Zeit erstellen. Schwieriger ist hingegen die Therapiewahl. Bokemeyer empfiehlt, diesbezüglich eine Zweitmeinung einzuholen: „Dabei gibt es grundsätzlich zwei Wege: Entweder sucht sich der Patient selbst einen zweiten Arzt, oder der behandelnde Arzt schickt die Daten mit Zustimmung des Patienten direkt in ein Zweitmeinungszentrum.”

Für die Behandlung sollte man sich einen Spezialisten suchen. „Je fortgeschrittener der Hodenkrebs, umso wichtiger ist die Wahl des Arztes”, betont Bokemeyer. Bei der Therapie wird in einem ersten Schritt der betroffene Hoden vollständig entfernt. Abhängig von einer möglichen Metastasenbildung wird dann über zusätzliche Maßnahmen entschieden. „Diese können aus einer Chemotherapie, einer Bestrahlung oder weiteren operativen Eingriffen bestehen. In manchen Fällen ist auch Abwarten verbunden mit regelmäßigen Kontrollen die beste Variante”, fügt Schrader hinzu.

Die Zeugungsfähigkeit des Betroffenen werde durch die Therapie nur in seltenen Fällen beeinträchtigt. „Die Hoden sind ein paariges Organ. Das heißt, der verbleibende Hoden übernimmt im Normalfall die gesamte Samen- und Testosteronproduktion”, sagt Schrader. Sicherheitshalber kann der betroffene Mann aber vor der Therapie Sperma konservieren lassen.

Auch die Sexualität funktioniert weiterhin normal. „Wir stellen jedoch fest, dass sich manche Patienten psychisch beeinträchtigt fühlen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn der verbleibende Hoden nicht genug Testosteron produziert, um denselben Testosteronspiegel wie vor der Hodenentfernung zu erreichen”, sagt Bokemeyer. In solchen Fällen empfehle sich eine Hormonbehandlung. Aus ästhetischen Gründen könne auch eine Hodenprothese in den Hodensack eingesetzt werden.

Eine spezielle Früherkennungsuntersuchung beim Urologen gibt es laut Bokemeyer nicht. Es liegt also an den jungen Männern, sich regelmäßig selbst zu untersuchen. Denn je früher ein Tumor entdeckt wird, umso größer sind die Heilungschancen. „In einem frühen Stadium betragen sie bis zu 99 Prozent”, sagt Brokemeyer. In England werden darum junge Männer in einer gemeinsamen Kampagne von Krebszentren und Fußballidolen landesweit und zielgruppengerecht sensibilisiert: „Keep your eye on the ball!”