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Aachen: Der dicke Kloß im Hals ist nicht immer harmlos

Aachen : Der dicke Kloß im Hals ist nicht immer harmlos

Das Gefühl vom Kloß im Hals belastet jeden irgendwann einmal. Eine Infektion, eine Entzündung, Kummer - das vergeht. Doch wehe, wenn sich der Kloß nicht auflöst, andere Beschwerden hinzukommen, die Stimme rau bleibt - dann könnte ein ernsthaftes Problem bestehen.

„Tumore im Kopf- und Halsbereich” lautet das Thema beim nächsten Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 7. September, 18 Uhr (Einlass 17 Uhr), im Großen Hörsaal 4 (GH4) des Klinikums, Pauwelsstraße.

Rat und Hilfe geben an diesem Abend: Dr. Martin Sondermann, niedergelassener Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Aachen, Ulla Albers-Tesina, niedergelassene Logopädin in Aachen, Bernhard Horres, 1. Vorsitzender des Bezirksvereins für die Kehlkopfoperierten Aachen e.V., sowie vom Universitätsklinikum Professor Dr. Martin Westhofen, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Plastische Hals- und Kopfchirurgie, Professor Dr. Michael J. Eble, Direktor der Klinik für Strahlentherapie, und Professor Dr. Tim Brümmendorf, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie.

„Alle Beschwerden, die länger als drei Wochen anhalten, gelten als Alarmzeichen”, betont Martin Sondermann. „Bei einer Raucherstimme muss man auf jeden Fall klären, was mit dem Kehlkopf los ist. Ein Ultraschall der Halsorgane ist der erste Schritt.” Wie jede Krebserkrankung haben Tumore im Kopf-Hals-Bereich extreme Auswirkungen auf Leben und Lebensqualität. Wer nicht mehr essen, trinken und sprechen kann, leidet qualvoll. „Trotzdem sind Betroffene Meister im Verdrängen, schieben Beschwerden auf die Nebenhöhlen und greifen viel zu lange zu Schmerzmitteln.”

Eine fatale Verbindung gehen dabei Alkohol und Zigaretten ein. Sie können das Erkrankungsrisiko deutlich steigern. Aber auch UV-Strahlung wirkt sich negativ aus. Wer etwa die Ohren schutzlos zu starker Sonne aussetzt, riskiert einen Tumor. Und wenn beim Sodbrennen immer wieder Magensäure aufsteigt, reizt sie unweigerlich das Gewebe. Selbst mangelnde Mundhygiene und ein schlechter Zahnstatus fallen häufig auf, wenn ein Tumor entdeckt wird. „Die harten Sachen beim Alkohol wirken sich aus, aber in letzter Zeit sogar auch vielfach Schaumweine, Prosecco und Sekt”, sagt Martin Westhofen. Schon plötzliche Gesichts- und Halsschwellungen, die sich wiederholen, müssen untersucht werden.

„Man sollte nicht panisch werden, da können harmlose Ursachen vorliegen, aber weil diese Erscheinungen häufig keine Schmerzen verursachen, geht man oft nicht zum Facharzt.” Eine Endoskopie, bei der ein kleines, mit einer beleuchteten Optik versehenes Instrument in die Nase geschoben wird, erlaubt dem Arzt nach Untersuchung von Zunge, Mundboden und Lippen die Ansicht des gesamten Rachens. Der Kehlkopf am Ende der Luftröhre ist häufig von Erkrankungen betroffen und kann auf diesem Wege vom Arzt angeschaut werden. Der Kehlkopf schließt die Luftröhre beim Schlucken gegen die Speiseröhre ab und verhindert damit, dass Nahrung in die Atemwege gelangt. Wer sich einmal heftig verschluckt hat und hustend nach Luft ringen musste, weiß, dass man beim Essen oder Trinken nicht sprechen sollte.

Dem Kehlkopf schließt sich die Luftröhre an, hinter der die Speiseröhre verläuft. Die Lymphbahnen im Hals enthalten in ihren Lymphknoten spezielle Zellen des Immunsystems, die die durchfließende Lymphflüssigkeit von Krankheitserregern und anderen körperfremden Stoffen reinigen. Sie schmerzen und schwellen schon bei einer Halsentzündung an, die häufig die Rachenmandeln als Teil der Immunabwehr betreffen.

„Ein Krankheitsbild im Kopf-Hals-Bereich kann sehr vielschichtig sein”, betont Westhofen. Erst die Klassifikation eines Tumors gibt den weiteren Behandlungsweg vor. In einer fachübergreifenden Konferenz, so der Klinikchef, werden die Entscheidungen getroffen. Je kleiner der Tumor, umso höher die Heilungschancen. „Die Entnahme des kompletten Kehlkopfs bei der Entfernung eines Tumors ist relativ selten geworden”, sagt Westhofen. Sind die Hals-Lymphknoten verdächtig, müssen auch sie ausgeräumt werden. Bei Zunge, Rachen und Kehlkopf gibt es, wie der Operateur versichert, recht gute plastische Rekonstruktionsmöglichkeiten.

Eine zusätzliche Problematik stellen Begleiterkrankungen dar. „Viele Patienten sind schon älter, da gibt es eventuell neurologische Defizite oder Voroperationen”, meint Tim Brümmendorf. „Ist eine Operation nicht möglich, können wir stattdessen noch eine Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie einsetzen.” Bei einer solchen „simultanen Radiochemotherapie” wird in sechs bis sieben Wochen gleichzeitig zur Strahlendosis eine Chemotherapie - eventuell auch mit Antikörpern - verabreicht, die die Wirksamkeit der Strahlung am Tumor steigert. „Eine Strahlentherapie, die nach der Operation sein muss, unterscheidet zwischen unterschiedlich empfindsamen Gewebestrukturen”, erklärt Michael Eble.

„Es ist möglich, durch eine Strahlentherapie die Wirkung der Chemotherapie zu erhöhen, wenn keine Operation erfolgen kann.” Eine solche Therapie, die wegen der Schwächung des Patienten in der Klinik stattfindet, sei die „Gratwanderung zwischen Wirkung und Risiko”. Häufig haben fortgeschrittene Tumorerkrankungen Folgen, die die Lebensqualität einschränken. „Schon vor einem Eingriff besuchen wir Patienten, die wissen müssen, dass nur kleine Schritte zum Erfolg führen”, sagt Ulla Albers-Tesina. Als Logopädin ist sie im Einsatz, wenn das Sprechen neu erlernt wird.

„Eine genaue Anamnese hilft mir, die spätere Begleitung richtig zu planen”, erklärt sie. Was passiert beim Schlucken und Sprechen? Wie agieren Zunge, Kiefer und Gaumen miteinander? „Es gibt Wege, den Verlust zu kompensieren”, weiß Ulla Albers-Tesina. „Ohne Selbstwahrnehmung geht es nicht”, sagt die Logopädin, die ihren Patienten immer wieder Mut macht. „Viele leiden sogar unter Selbstvorwürfen, fragen sich, was sie falsch gemacht haben.” Engagierte Unterstützung bietet zudem der Bezirksverein für die Kehlkopfoperierten, dessen 1. Vorsitzender Bernhard Horres vor acht Jahren operiert wurde. „Ich war öfter heiser und hatte Halsschmerzen”, erinnert er sich.

„Lutschtabletten und Medikamente wirkten nicht, dann der Befund: ein Kehlkopfkarzinom. Das war ein Schock. Ich bin emotional in ein tiefes Loch gefallen.” Er selbst wurde damals von einem Mitglied der Selbsthilfeorganisation besucht. „Da war jemand, der konnte sprechen, obwohl er operiert war, das hat mich getröstet.” Nach dem Eingriff war dann Durchhaltevermögen nötig, um die neue Sprechtechnik (Ösophagusstimme) zu trainieren, die über die Luftaufnahme im oberen Teil der Speiseröhre durch eine über dem Brustbein angelegte Halsöffnung (Tracheostoma) funktioniert.

Präventionsmaßnahmen? „Vorsorge wäre wünschenswert, denn früh erkannte Karzinome kann man gut entfernen. Aber das gibt es im Programm der Krankenversicherungen nicht”, sagt Martin Sondermann.

Fragen können auch per Post gestellt werden

Fragen zu „Tumoren im Kopf- und Halsbereich” sind bei der Publikumsdiskussion im AZ-Forum Medizin erwünscht und werden von den Experten beantwortet.

Schriftlich: Wer möchte, kann Fragen per Brief (Aachener Zeitung, Forum Medizin, Postfach 500110, 52068 Aachen) oder per E-Mail (s.rother@zeitungsverlag-aachen.de) formulieren. Wir werden die Fragen für Sie stellen.

Informationen gibt es bei der Deutschen Krebshilfe, Buschstraße 32, 53113 Bonn, 0228/729900, Internet: krebshilfe.de, E-Mail: deutsche@krebshilfe.de

Ratgeber: In der umfangreichen Serie zur Patienteninformation „Die blauen Ratgeber” ist das Heft Nr. 12 „Krebs im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich” erschienen, das man kostenfrei bestellen kann - auch im Online-Shop.