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München/Leipzig: Demenz ist mehr als Vergessen: Wenn der „innere Stadtplan” verblasst

München/Leipzig : Demenz ist mehr als Vergessen: Wenn der „innere Stadtplan” verblasst

Viele Angehörige kennen das: Opa verlegt den Schlüssel, vergisst Absprachen, kann sich nicht mehr an den Vortag erinnern. Wird Großvater dement? Das ist nie leicht zu sagen. „Angehörige tun sich schwer damit, eine Demenz zu erkennen”, sagt Katharina Bürger vom Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am Klinikum der Universität München.

Wichtig ist zunächst: Demenz ist der allgemeine Begriff, aber sie hat verschiedene Ursachen. Alzheimer ist mit 60 bis 70 Prozent aller Fälle die häufigste, erklärt Bürger. Eine andere Form ist die Pick-Krankheit oder frontotemporale Demenz, bei der der Betroffene vor allem Sprach- und Verhaltensstörungen zeigt.

Eine Alzheimer-Demenz falle zuerst durch Beeinträchtigungen der Gedächtnisleistungen auf, erläutert Prof. Matthias Schroeter vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. „Die Betroffenen vergessen, was sie vor kurzem erlebt haben.”

Für eine Demenz müsse aber eine Beeinträchtigung des Alltags hinzukommen, erläutert Bürger. „Das ist deutlich mehr als Vergesslichkeit.” Bisher bewältigte Aufgaben könnten Betroffene nicht mehr erledigen. „Dinge, die vorher kein Problem waren, werden schwierig”, erklärt Prof. Emrah Düzel, Direktor des Instituts für kognitive Neurologie und Demenzforschung am Universitätsklinikum Magdeburg.

„Wenn ältere Menschen bekannte Wege nicht mehr finden, ist das ein eindeutiges Zeichen”, sagt Bürger. Bei Orientierungsstörungen stecke ein größeres Problem dahinter. „Ein Patient sagte einmal: „Mein innerer Stadtplan verblasst”. Er wusste nicht mehr, wie er wohin kommt.”

Zu einem Arzt gehen sollten Betroffene, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr Zustand über ein oder zwei Jahre schlechter geworden sei, rät Bürger. Die langsame Verschlechterung sei ein entscheidendes Merkmal. „Wenn eine leichte Vergesslichkeit gleich bleibt, ist das kein großes Alarmsignal.” Ob Veränderungen normal für das Alter sind, lasse sich nur mit neuropsychologischen Tests herausfinden.

Bei einer Demenz seien drei Bereiche beeinträchtigt, erklärt Schroeter: Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Kontrollfunktionen. „Schneidet der Betroffene in zwei Domänen schlechter ab als der Altersdurchschnitt und hat er zusätzlich Beeinträchtigungen im Alltag, dann geht man von einer Demenz aus.”

Wenn Informationen nicht mehr behalten werden, werde das sogenannte episodische Gedächtnis schwächer, erklärt Schroeter. Schreitet die Demenz fort, sei auch das semantische Gedächtnis betroffen: „Betroffene können dann zum Beispiel nicht mehr sagen, wer die Bundeskanzlerin ist.” Und das prozessuale Gedächtnis wird beeinträchtigt: „Der Erkrankte weiß etwa nicht mehr, wie er Fahrrad fährt.”

Aufmerksamkeitsdefizite zeigten sich, wenn „alles langsamer getaktet ist”, wie Schroeter sagt. „Der Betroffene kann sich nicht mehr lange konzentrieren und schläft zum Beispiel nach einer Stunde am Esstisch ein.”

„Bei einem Viertel der Patienten können wir nach den Tests Entwarnung geben”, sagt Bürger. „Es ist ganz normal, dass im Alter das Gedächtnis etwas schlechter wird. Aber es gibt auch Fälle, in denen wir sagen möchten: Wären Sie mal besser früher gekommen!”

(dpa)