Aachen: Damit der Patient besser versteht, was er überhaupt hat

Aachen: Damit der Patient besser versteht, was er überhaupt hat

Keine Bange. Wenn Sie den folgenden Satz nicht verstehen, sind Sie hier vollkommen richtig. „Knochenmarködem an der ventralen Zirkumferenz des Humeruskopfes.” Nur Bahnhof verstanden?

Dann geht es Ihnen wie unzähligen Patienten, die von ihrem Haus- zum Facharzt geschickt und dort geröntgt, mammografiert oder gastrografiert werden. Danach einen neugierigen Blick auf den Befund werfen und feststellen, dass sie nichts verstehen.

Und es geht Ihnen wie vielen Freunden von Anja Kersten und Jochen Bittner. Die Medizinstudenten aus Dresden waren stets erste Ansprechpartner, wenn Menschen aus ihrem Umfeld mal wieder beim Arzt waren. „Was machen Menschen, die keinen Fachmann im Bekanntenkreis haben”, fragten die beiden sich und gründeten Anfang des Jahres das Internetportal washabich.de.

Über die Seite werden für den Laien unverständliche Befunde ins Alltagsdeutsch übersetzt. Die Nutzer des Portals laden ihre Befunde verschlüsselt hoch, die dann von Medizinstudenten und Ärzten übersetzt werden und dem Nutzer übermittelt werden.

Inzwischen haben Kersten und Bittner 220 ehrenamtliche Mitstreiter gefunden. Darunter Nora zur Nieden, die in Aachen im 9. Semester Medizin studiert. Vor etwa einem Monat hat sie sich bei washabich.de gemeldet und musste das dort übliche Prozedere durchlaufen. Vorlage der Immatrikulationsbescheinigung, Kopie des Ausweises, Einführung in die Technik des Internetportals. Dann schließlich erste Übersetzungen unter Anleitung eines erfahrenen „Dolmetschers”.

„Wir benötigen diese Qualitätssicherung, um das Portal seriös zu betreiben”, erläutert Mitinitator Bittner. Zu dieser Seriosität gehört auch, dass die Seite sich auf Übersetzungsdienste beschränkt. Keine Therapieempfehlungen, keine Verdachtsdiagnosen und keine Beratung. „Wir ersetzen keinen Arztbesuch”, stellt Bittner klar. Warum, aber ist ein solcher Übersetzungsdienst überhaupt nötig? Wäre es nicht Aufgabe der Ärzte, den Patienten verständliche Informationen zu liefern?

Die meisten Ärzte würden dies leisten, sagt Bittner. Das Problem des Nichtverstehens entstehe eher durch Facharztbefunde, die in erster Linie der Information anderer Ärzte dienen. „Patienten sind in den vergangenen Jahren viel mündiger geworden. Sie lassen sich Befunde aushändigen und verlangen größeres Mitspracherecht”, sagt Bittner. Das sei prinzipiell gut, führe aber im Falle fachsprachlicher Befunde häufig zu Verwirrung.

Viele Ehrenamtler dabei

Wie viele Patienten verwirrt sind, erfuhren die Initiatoren, nach der Umsetzung. „Bereits zwei Stunden nachdem wir online gegangen sind, wurde der erste Befund hochgeladen.” Inzwischen sind es wöchentlich 300 bis 400. Tendenz steigend.

Ebenso überrascht waren die Betreiber, dass so viele Ehrenamtler mitmachen. Das liegt wohl daran, dass die Mitarbeit zwar unentgeltlich, aber keinesfalls umsonst ist. Nora zur Nieden findet, dass Patienten das Recht haben, gut informiert zu sein. Dass sie dabei helfen kann, gibt ihr ein gutes Gefühl. Darüber hinaus freut sie sich über die positiven Rückmeldungen der Nutzer, von denen 30 Prozent sogar spenden. Und sie profitiert inhaltlich. „Ich halte mich was die Fachtermini angeht fit und werde für das Informationsbedürfnis der Patienten sensibilisiert.” Eine Fähigkeit, die der angehenden Ärztin im Berufsleben nicht zum Nachteil gereichen dürfte.

Bliebe die Auflösung des Röntgenbefundes vom Anfang:

„Eine Flüssigkeitseinlagerung in das Knochenmark, die sich am vorderen Teil des Oberarmkopfes befindet.”

Na also, geht doch.

Übersetzungen im Netz: http://www.washabich.de

Mehr von Aachener Nachrichten