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Kassel/Leipzig: Bomben im Kopf: Wenn Kriegserlebnisse aus der Kindheit hochkommen

Kassel/Leipzig : Bomben im Kopf: Wenn Kriegserlebnisse aus der Kindheit hochkommen

Was ist schlimmer: während eines Bombenangriffs im Keller zu sitzen und um das Leben zu bangen, oder als Vertriebener auf der Flucht zu sein? Oder ohne Vater aufzuwachsen, der weit weg ist - vielleicht schon längst tot? Wahrscheinlich ist all das gleich schlimm für Kinder. Und solche Erlebnisse können schwere Folgen haben - auch Jahrzehnte später noch. Dann kommt plötzlich die Angst zurück oder große Traurigkeit, manchmal schmerzt auch nur der Kopf.

Häufig erkennen die Betroffenen nicht, dass ihre Erlebnisse aus Kindertagen im Zweiten Weltkrieg die Ursache sind. Angehörige sollten deshalb genau nachfragen.

Ein Viertel der deutschen Kinder wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg auf Dauer ohne Vater auf, 250.000 waren Vollwaisen, schreibt Prof. Hartmut Radebold im Buch „Die dunklen Schatten der Vergangenheit”. Unter den Heimatvertriebenen seien mehr als 2 Millionen Kinder und Jugendliche gewesen, erklärt der Leiter des Lehrinstituts für Alternspsychotherapie in Kassel.

Schätzungen zufolge machte ein Drittel der damaligen Kinder und jungen Erwachsenen anhaltende beschädigende bis traumatisierende Erfahrungen. Bei vielen von ihnen habe das schwerwiegende Folgen bis ins hohe Alter, schreibt Radebold, der auch der Forschungsgruppe „weltkrieg2kindheiten” (w2k) angehört. Über die Erlebnisse gesprochen wurde nicht. „Nach Ende des Krieges war im Leid der Erwachsenen keine Zeit für die Probleme der Kinder.”

Die Deutschen waren die Täter im Krieg. Wenn überhaupt, befasste sich die Öffentlichkeit mit ihrer Schuld „und gerade von den 68ern, die ja Kriegskinder waren, identifizierten sich viele mit dieser Schuld”, sagt Prof. Radebold. So verschlossen die Kriegskinder ihre Erinnerungen Jahrzehnte lang. „Für viele waren die eigenen Erlebnisse nur so zu bewältigen”, erklärt Prof. Elmar Brähler von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig und ebenfalls w2k-Mitglied.

Die Kinder wurden erwachsen, und viele „lebten weitgehend unauffällig”, sagt Corinne Adler von der psychosomatischen Tagesklinik für Ältere am Klinikum Nürnberg. Die Kriegserlebnisse zeigten sich im Alltag höchstens an Kleinigkeiten - wenn nichts weggeworfen werden konnte oder zum Beispiel in Hotels nach möglichen Fluchtwegen gesucht wurde, schreibt Radebold.

Manchen habe sich nach und nach gezeigt, dass sie viel größere Probleme haben. Bei anderen tauchten plötzlich im Alter Erinnerungen auf - ausgelöst etwa durch Filme über Vertreibung oder Berichte über den Krieg, sagt Prof. Brähler. Wieder andere erinnern sich, wenn ihr Körper Schwächen zeigt und sie sich hilflos fühlen - genau wie in Kindertagen, erklärt Adler. „Wenn die gleichen Gefühle wieder auftreten, kann es zu einer Traumareaktivierung kommen.”

Manchmal kommen konkrete Bilder zurück, oft nur Gefühle - Angst, Panik oder tiefe Traurigkeit. Auch Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen oder ein Druckgefühl in der Brust können laut Corinne Adler eine Folge sein. „Hinter solchen Beschwerden verstecken sich aber auch Depressionen oder tatsächliche körperliche Probleme.” Daher sei es schwer zu erkennen, was die Ursache ist. Hinzu kommt laut Brähler: Körperliche Probleme werden oft vorschnell auf das Alter geschoben.

„Der erste Schritt ist, zu akzeptieren, dass Mutlosigkeit und Traurigkeit keine typischen Bestandteile des Alterns sind”, sagt Radebold. Im zweiten Schritt sollten Betroffene überlegen, was sie erlebt haben. Zeigt sich, dass damals viel Schlimmes im eigenen Leben passierte, sei es ratsam, mit jemandem darüber zu sprechen - zum Beispiel mit den eigenen Kindern.

Doch die haben häufig Angst, dass ihre Fragen schreckliche Erinnerungen wach rufen und ihre Eltern noch mehr leiden. „In der Familie zu reden, kann aber sehr befreiend sein”, beruhigt Prof. Brähler. Angehörige sollten getrost nachfragen. „Die Älteren können gut selbst entscheiden, was sie erzählen wollen.”

Vorsichtig nachzufragen empfiehlt sich laut Adler auch dann, wenn Kinder merken, dass ihre Eltern Beschwerden haben, diese aber gar nicht mit den Kriegserlebnissen in Verbindung bringen. „Ich würde hellhörig werden, wenn bei Erzählungen über den Krieg Abschnitte ausgelassen werden.” Ein wichtiger Hinweis sei auch, wo die Eltern im Krieg waren. „Wer in der Großstadt gelebt hat, hat wahrscheinlich Schlimmes erlebt.” Gleiches gelte für Flüchtlinge und Vertriebene.

Eine weitere Gesprächsmöglichkeit bieten laut Radebold so genannte Kriegskindergruppen, die es in einigen Städten gibt. „Da sehe ich, dass ich nicht allein mit meinen Erlebnissen bin.” Eine Alternative ist das Gespräch mit einem Therapeuten. „Manchen hilft es schon, in zwei, drei Stunden über die eigenen Erlebnisse zu reden”, sagt Adler. Wer sich für eine Therapie entscheidet, lerne zu verstehen, warum die Bilder hoch kommen und wie damit umgegangen werden kann.

Ein anderer Weg ist es, eine eigene Biografie zu verfassen, sagt Radebold. „Dann muss man seine Erinnerungen sortieren und in eine zusammenhängende Geschichte einbringen.” So könnten die schrecklichen Bilder im Kopf von Bomben, Flucht und Gewalt bewusst als Teil der eigenen Lebensgeschichte akzeptiert werden.