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München/Zürich: Biowetter: So wirkt der Wetterwechsel auf unseren Körper

München/Zürich : Biowetter: So wirkt der Wetterwechsel auf unseren Körper

Wenn Narben jucken oder der Kreislauf verrückt spielt, führen das viele Menschen auf das Wetter zurück. Einige Experten bezweifeln, dass das Wetter tatsächlich einen Einfluss auf unser Wohlbefinden hat.

Professor Angela Schuh von der Ludwig-Maximilians-Universität München ist jedoch von einem solchen Zusammenhang überzeugt: „Der Körper muss sich auf Temperaturschwankungen erst einstellen”, erklärt die Medizinklimatologin. Der Mensch versuche, seine Körperkerntemperatur stets um die 37 Grad Celsius zu halten. Verändert sich die Außentemperatur, so müsse der Organismus auch den inneren Wärmehaushalt regulieren.

Unverzichtbar bei Hitze sei das Schwitzen - denn der Schweiß, der auf der Hautoberfläche verdunste, kühle den Körper. „Dadurch wird auch das in der Haut fließende Blut gekühlt.” Bei Hitze weiten sich zudem die Blutgefäße und geben Wärme ab. Bei Kälte ziehen sie sich hingegen zusammen, damit der Körper weniger Wärme verliert.

„Je besser sich der Körper mit seinen Gefäßen anpassen kann, desto besser kommt er mit veränderten Wetterverhältnissen klar”, erläutert Schuh. Doch wenn jemand bereits unter Herz-Kreislauf-Beschwerden und Gefäßkrankheiten leide, falle es dem Körper schwerer, diesen Wechsel mitzumachen. Die Folge: Wohlbefinden und Lebensqualität der Betroffenen seien beeinflusst, sagt Schuh.

Die Liste der daraus resultierenden Symptome ist lang: Abgeschlagenheit, Müdigkeit, missmutige Stimmung, Arbeitsunlust, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder auch Nervosität. „Personen mit Herz-Kreislauf-Problemen sollten sich bei Hitze oder Kälte nicht körperlich anstrengen und vielleicht lieber ein oder zwei Tage nicht nach draußen”, rät die Medizinerin. Um den Körper insgesamt wetterfester zu machen, könne ein Gefäßtraining helfen - etwa mit heißen und kalten Wechselbädern.

Neben der allgemeinen Schwäche seien viele Betroffene zudem emotional empfindlich. Ihnen rät Angela Schuh, zu lernen, sich besser zu entspannen - etwa mit Progressiver Muskelentspannung, Autogenem Training oder Meditation. „Gerade wenn man sehr wetterfühlig ist, sollte man auch auf einen geregelten Lebensrhythmus achten. Das heißt: regelmäßig essen, schlafen und arbeiten.”

Die Medizinklimatologin sieht es außerdem als gesichert an, dass das Wetter die Schmerzhäufigkeit und Schmerzintensität von Rheumatikern sowie die Gelenksteifigkeit beeinflusst. So geben befragte Patienten bei bestimmten Wetterlagen immer wieder Schmerzen an Operationsnarben, alten Knochenbrüchen, Gelenkschmerzen und Kopfschmerzen an. „Vor allem die Kaltfront fährt den Betroffenen in die Glieder”, sagt Schuh.

Professor Hans Richner von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hält Wettervorhersagen für Migräne, Narbenschmerzen oder Herz-Kreislauf-Beschwerden dagegen für wissenschaftlich nicht haltbar. „Es gibt keine wissenschaftlich nachweisbare Grundlage für derartige Prognosen”, sagt der Atmosphärenphysiker.

Seriös seien laut Richner Vorhersagen des Pollenflugs für Allergiker, ebenso die Smog-Reaktionen, die schädlich für die Atemwege und die Schleimhäute sind. Auch die Angaben zur UV-Strahlung, also wie lange man sich höchstens in der Sonne aufhalten sollte, ohne Hautschäden zu riskieren, hält der Experte für eine sinnvolle Prognose.

Doch Menschen über ihre subjektiven Eindrücke zur Wetterfühligkeit zu befragen, sei laut Richner zu wenig, um gültige Aussagen über den Einfluss des Wetters auf die Gesundheit zu erstellen.

Medizinklimatologen verwendeten zudem willkürlich Statistik-Daten über Kopfschmerzen und verknüpften sie Richners Ansicht nach unzulänglich mit vorhandenen Wetterdaten. „Es geht um Bezugsgrößen, die man nicht in einen kausalen Zusammenhang stellen darf”, kritisiert der Physiker und führt ein Beispiel an: „Wenn ich an einem heißen Tag die gestiegene Anzahl der Sonnenbrände mit den gestiegenen Umsatzzahlen für Eiscreme vergleiche, finde ich auch eine gute Korrelation, also einen Zusammenhang. Aber die Aussage, man dürfe kein Eis essen, sonst bekommt man einen Sonnenbrand, ist doch unsinnig.” Und genau solche Zusammenhänge stellten manche Klima-Mediziner her.

Richner ärgert sich, dass es in der Biowetter-Prognose wie beim Astrologen zugehe, der ein Horoskop erstellt. So habe er an einem Tag für Berlin verschiedene Biowetter-Prognosen für Beschwerden und Unpässlichkeiten im Internet gesammelt und miteinander verglichen: „Die meisten waren unterschiedlich, mal war das Wetter günstig für das Befinden, mal ungünstig.”

Der Wetterexperte empfiehlt, auf solche Vorhersagen nicht viel zu geben. „Es bringt doch nichts, wenn ich lese, dass ich mich jetzt schlecht fühlen muss. Wenn man den Leuten etwas für wissenschaftlich verkauft, was einfach nicht stimmt, dann ist dies Betrug am Laien”, kritisiert Richner. Nur weil der Ostwind wehe, müsse man den Menschen nicht gleich sagen, dass sie jetzt Kopfschmerzen bekommen.