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Berlin: Bioäpfel aus China: Wie viel Bio ist noch in Ökoprodukten?

Berlin : Bioäpfel aus China: Wie viel Bio ist noch in Ökoprodukten?

Sonnenblumenkerne aus Russland oder Bioäpfel aus China: Wer heute in den Supermarktregalen zu Ökowaren greift, stellt immer öfter fest, dass die drei Buchstaben Bio nicht mehr nur für Produkte aus ökologischem Anbau in Deutschland stehen.

Die enorme Nachfrage kann längst nicht mehr nur von heimischen Anbietern bedient werden. Und auch das wachsende Angebot bei Discountern und herkömmlichen Lebensmittelhändlern lässt zunehmend die Frage aufkommen, ist wirklich noch Bio drin, wo Bio draufsteht. Für Unruhe in der Branche sorgt außerdem der Einstieg der Schwarz-Gruppe mit dem Discounter Lidl bei der Bio-Supermarktkette Basic.

Da vollziehe sich ein elementarer Wandel, beobachtet die Stiftung Ökologie und Landbau in Bad Dürkheim. Der früher einheitliche Bio- Markt segmentiere sich immer mehr. Bioware vom Discounter müsse allerdings keineswegs schlechter sein als die von kleineren Bioläden. „Es stellt sich aber schon die Frage, wo angesichts der steigenden Nachfrage die enormen Mengen herkommen”, betont Stiftungs- Geschäftsführer Uli Zerger.

Zwar gebe es in Deutschland sehr strenge staatliche Kontrollsysteme, die die hohe Qualität von Biowaren sicherstellten, aber „Schwachstelle” seien die internationalen Produkte. Mit zunehmender Distanz zwischen Produzent und Abnehmer wachse das Risiko. „Beim Zitronenbauer aus Sizilien können die jeweiligen Öko- Anbauverbände die Ware noch kontrollieren. Bei der Importware aus China oder Russland muss man davon ausgehen, dass die Kontrollpapiere korrekt sind”, räumt Zerger ein.

Gerade Produkte aus China mit seiner großen Umweltverschmutzung seien aber eher fraglich. Mittlerweile mischen fast alle großen Billigketten bei Bio mit. Der zur Tengelmann-Gruppe zählende Discounter Plus hat schon seit fünf Jahren eine eigene Biomarke und ist „grundsätzlich immer” auf der Suche nach neuen Produkten. Derzeit stehen 140 „BioBio” -Artikel von in- und ausländischen Anbietern in den Regalen. „Wir führen ständig strenge Qualitätskontrollen durch”, heißt es aus der Zentrale in Mülheim.

Auch Lidl hat seit Anfang 2006 ein eigenes Biosortiment, das den Vorschriften der EG-Ökoverordnung entspricht und von „zertifizierten Lieferanten” bezogen wird. Nach dem Einstieg bei der Biokette Basic hat allerdings der Öko-Lieferant Dennree dem ohnehin umstrittenen Billigheimer die rote Karte gezeigt und kurzerhand die Belieferung von Basic aufgekündigt. „Wir müssen unser einmaliges Know How doch nicht an Lidl weitergeben”, sagt Dennree-Sprecher Peter Knopp.

Als einer der ältesten Bio-Großhändler bestückt Dennree 1600 Supermärkte in Deutschland, Österreich und Luxemburg und hat 11.000 Bio-Artikel im Angebot, vor allem aus Deutschland. Die Biowaren von Aldi & Co. tragen zwar überwiegend das EU- Biosiegel, die deutlich strengeren Siegel von Anbauverbänden wie Naturland oder Demeter findet man dort aber kaum. Die Öko- Anbauverbände verlangen anders als bei den EU-Siegeln, dass Betriebe komplett auf ökologische Kreislaufwirtschaft umgestellt haben.

Für Großbetriebe, die die Discounter beliefern, eine hohe Hürde. Allein 2006 stieg der Umsatz von Ökoprodukten laut Bauernverband um 15 Prozent auf rund 4,5 Milliarden Euro. Zeitgleich wuchs in Deutschland die ökologisch bewirtschaftete Fläche aber nur um 2,3 Prozent, die Zahl der Bio-Importeure nahm hingegen um 17 Prozent zu. Mittlerweile tragen rund 35.000 Produkte das Bio-Siegel. Über den Transportweg sagt diese Plakette aber beispielsweise nichts aus.

Allein ein Bioapfel aus Argentinien legt mindestens 11.000 Kilometer zurück, um in deutsche Regale zu gelangen. Einer jüngsten Studie des Verbrauchermagazins „Öko-Test” schneidet die Bioware in Supermärkten und Discountern aber erstaunlich gut ab. Von den in den Testlabors untersuchten 75 Lebensmitteln waren fast alle ohne Fehl und Tadel hinsichtlich Qualität und chemischer Rückstände.

„Der Apfel muss halt im Sommer für zwei Monate aus Übersee eingeführt werden, weil deutsche Bioware nur bis Juni lagerfähig ist”, heißt es beim Großhändler Dennree. „Die Politik muss mehr Anreize schaffen, damit deutsche Bauern mehr auf Biolandbau umstellen”, fordert die Öko-Stiftung. Der Markt reagiere viel schneller als die Landwirte. „Diese brauchen mindestens zwei Jahre für die Umstellung auf Öko.”