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Lübeck: Ärzte warnen: Allergiker in Deutschland oft schlecht versorgt

Lübeck : Ärzte warnen: Allergiker in Deutschland oft schlecht versorgt

Allergiker werden in Deutschland nach Medizineransicht nur unzureichend behandelt. Obwohl allein 20 Millionen Deutsche an Heuschnupfen litten, lasse sich nur jeder vierte von ihnen von einem Facharzt behandeln, sagte der Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen, Wolfgang Czech, am Mittwoch auf dem Deutschen Allergie-Kongress in Lübeck.

Nur jeder zehnte Heuschnupfenpatient erhalte eine spezifische Immuntherapie. Viele Ärzte verordneten die teure Therapie nicht, weil sie fürchteten, damit ihr Verordnungsbudget zu überschreiten, schilderte Czech. An dem bis zum Sonnabend dauernden Kongress nehmen mehr als 1000 Allergieexperten teil.

Einen Grund für die Zunahme von Heuschnupfenerkrankungen gerade in Großstädten sehen Wissenschaftler in veränderten Pflanzenpollen. Birken- und Gräserpollen setzen bei hoher Schadstoffbelastung demnach vermehrt Eiweißstoffe und spezielle Fettsäuren frei, die sogenannten Pollen-assoziierten Lipidmediatoren (PALM). „Das könnte mit eine Erklärung sein, warum Pollen in den vergangenen Jahrzehnten scheinbar so aggressiv geworden sind”, sagte Privatdozentin Claudia Traidl- Hoffmann von der Technischen Universität München.

Ein weiterer Grund für die Zunahme der Allergien ist nach Auffassung des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie, Gerhard Schultze-Werninghaus, der Klimawandel. „Durch die Klimaerwärmung beginnt die Blütezeit bereits im Januar. Außerdem breiten sich ursprünglich in wärmeren Ländern heimische Pflanzen wie das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) auch bei uns aus. Sie verlängerten die Pollenzeit bis in den Herbst hinein. „Die Schleimhäute können sich nicht mehr erholen, der Körper reagiert mit einer Allergie”, erläuterte Schultze-Werninghaus.

Die Experten berichteten auch von einer zunehmenden Zahl von Nahrungsmittelallergien. Während vor zehn Jahren etwa zwei Prozent der Kinder in Deutschland allergisch auf Erdnüsse reagierten, seien es heute bereits mehr als zehn Prozent, berichtete das Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin, Ernst Rietschel. Andere Wissenschaftler berichteten von eine Zunahme der Fälle, in denen Birkenpollenallergiker auch auf Sojaeiweiß allergisch reagieren. Soja wird nicht nur in Nahrungsmitteln und Getränken, sondern auch in Medikamenten und Narkosemitteln verwendet.

Die Kongressteilnehmer wollen sich auch mit der Lupinenmehl- Allergie beschäftigen, die in letzter Zeit verstärkt aufgetreten ist. Weil Lupinen viel Eiweiß enthalten, wird das Mehl häufig in Speisen für Milcheiweißallergiker, Vegetarier und Menschen mit Gluten- Unverträglichkeit verwendet.