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Berlin/München: Mieter im eigenen Haus: Leben in der Genossenschaftswohnung

Berlin/München : Mieter im eigenen Haus: Leben in der Genossenschaftswohnung

Die Großeltern hatten es gut gemeint und für ihre Enkeltochter Nicole Tiebe vor 30 Jahren Anteile einer Berliner Wohnungsgenossenschaft gekauft. Schließlich sollte Nicole immer eine erschwingliche Unterkunft finden. Berechtigen die Anteile doch dazu, bei der Genossenschaft eine Wohnung mieten zu können.

Besonders in Großstädten mit hohen Immobilienpreisen lohnt es sich nach der Meinung von Experten, den Kauf von Genossenschaftsanteilen zu erwägen.

„Der große Vorteil ist, dass man die Immobilie zu einem fairen Preis bekommt”, sagt Monika Kegel, Referentin für den Bereich Genossenschaftsrecht beim GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in Berlin.

Fair bedeutet, dass sich der Preis im durchschnittlichen Mittel des ortsüblichen Mietspiegels bewegt. „Außerdem sind die Wohnungen sicher”, erklärt Kegel weiter. Kündigungen wegen Eigenbedarfs oder Wohnungsverkäufe gebe es kaum. Lediglich, wenn sich jemand etwas zuschulden kommen lässt - zum Beispiel in Zahlungsrückstand gerät - kann ihm gekündigt werden. Außerdem haben die Mieter Mitbestimmungsrecht bei Belangen, die das Haus betreffen, schließlich sind sie ja Miteigentümer der Immobilie.

„Hier liegt aber auch das Risiko”, sagt Kai Görner von der Verbraucherzentrale Sachsen in Leipzig. „Der Erwerb von Genossenschaftsanteilen ist - wie eine Unternehmensbeteiligung - eine Form der Geldanlage.” Das bedeute: Erwirtschaftet die Genossenschaft Gewinne, kann sie die Anteilseigner daran beteiligen.

Im Umkehrschluss gilt das aber auch für Verluste. „Dass erhebliche finanzielle Einbußen eintreten können, sollte jedem Verbraucher immer gegenwärtig sein”, warnt Görner. Um Geld anzulegen, gebe es weitaus rentablere und sicherere Möglichkeiten. Denn geht die Genossenschaft bankrott, sind auch die Einlagen der Mieter weg.

Das ist auch Nicole Tiebe passiert. Nachdem sie aus beruflichen Gründen für eine Zeit in Frankfurt/Main gelebt hatte, kehrte sie vor gut einem Jahr zurück in die Hauptstadt und fand auch relativ leicht unter den insgesamt 1500 Wohnungen der Berliner Genossenschaft eine passende Bleibe.

Allerdings hat die Genossenschaft Schulden. Und so wurde der Dreißigjährigen mitgeteilt, dass sie zwar das Recht auf eine Wohnung behält, das Geld aber, welches ihre Großeltern vor Jahrzehnten investierten, inzwischen verloren sei.

„Wohnungsgenossenschaften gelten aber als sehr insolvenzsicher”, beschwichtigt dagegen Kegel. Aus den vergangenen Jahren sei ihr aus dem GdW-Bereich keine Insolvenz bekannt. Insgesamt gebe es in Deutschland rund 2000 Wohnungsgenossenschaften mit 2,2 Millionen Wohnungen.

Etwa 98 Prozent davon sind GdW-Mitglied. Manche Genossenschaften sind schon mehr als 100 Jahre alt. Auch die Expertenkommission „Wohnungsgenossenschaften - Potenziale und Perspektiven” des Bundesministeriums für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen bescheinigte Genossenschaften, dass sie langfristig Sicherheit produzierten.

Einige Genossenschaften versuchen, ihre Attraktivität auch durch Leistungen zu steigern, die über das eigentliche Wohnen hinausgehen. Die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 etwa bietet kostenfreie Einkaufsdienste oder Treffpunkte für ihre Mitglieder an, um der Vereinsamung der Bewohner in der Großstadt entgegenzuwirken. Der Altonaer Spar- und Bauverein in Hamburg zum Beispiel unterhält ein Podcast- und Chat-Angebot im Internet.

Die Braunschweiger Baugenossenschaft hat in ihrem Quartier ein modernes Seniorenzentrum errichtet, und der Gemeinnützige Bauverein in Hannoversch Münden veranstaltet Deutschkurse für Kinder mit Migrationshintergrund.

Interessiert sich jemand für eine Wohnung in Genossenschaftsbesitz, wird ihm zunächst die Satzung ausgehändigt. Diese regelt Rechte und Pflichten der Mitglieder. Wer eine Genossenschaftswohnung mieten will, muss meist Mitglied werden.

„Für diese Mitgliedschaft zahlen die Mieter etwa ein bis zwei Anteile”, sagt Kegel. Weitere kommen für das Nutzungsrecht einer Wohnung hinzu. Wie teuer die Anteile sind, hängt von Standort und Größe der Wohnung ab. Insgesamt sind mit 1000 bis 3000 Euro zu rechnen.

Mit diesem Betrag ist das Mitglied dann an der Genossenschaft beteiligt. Dafür entfällt üblicherweise die Kaution. Viele Genossenschaften akzeptieren auch Ratenzahlung. Gekündigt werden können die Anteile in der Regel zum Jahresende. „Die Kündigungsfrist beträgt meist zwei Jahre”, sagt Kegel. Die Genossenschaftsanteile - nicht die Wohnung - sind vererbbar.

Besonders interessant sind Genossenschaftswohnungen für Menschen, die in Städten leben, wo Wohnungen knapp sind und Eigentum teuer ist. „Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen können es sich in München kaum leisten, ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen”, erklärt Monika Schmidt-Balzert vom Mieterverein München. Auch günstige Mietwohnungen seien in der bayerischen Landeshauptstadt nur schwer zu bekommen. „Genossenschaftswohnungen sind da eine stabile und preiswerte Alternative.”