Stuttgart/Berlin: Besser kein Vertun: Die größten Finanzirrtümer

Stuttgart/Berlin: Besser kein Vertun: Die größten Finanzirrtümer

Wenn es um ihre privaten Finanzen geht, vertrauen viele Verbraucher lieber auf Faustregeln statt auf die Vernunft. Dabei entpuppt sich so mancher vermeintlich allgemeingültiger Ratschlag als plumpe Fehlinformation.

Und wer ihr aufsitzt, gelangt zu falschen Kauf- oder Anlageentscheidungen. Ob Ratenzahlung, Haltefristen oder Pauschalbewertungen einzelner Produktkategorien - viele populäre Einschätzungen sind bei genauem Hinsehen als Rezept zum Geldsparen oder -vermehren nicht haltbar.

Irrtum 1: „Eine "Null-Prozent-Finanzierung" ist ein Schnäppchen”. Vor Weihnachten wurden die vermeintlich günstigen Finanzierungen gerade von Elektronikmärkten wieder viel beworben. Mit Ratenzahlungsmodellen ohne Kreditzinsen locken viele Händler aber auch in Flautephasen. Sich einen langgehegten Wunsch auf Pump zu erfüllen, ist aber selten ein günstiger Fang, warnt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart.

„Erfahrungsgemäß ist es vorteilhafter, bar zu zahlen und einen Rabatt auf den Kaufpreis oder Gratis-Zugaben auszuhandeln.” Ist der nötige Betrag nicht verfügbar, sei es sinnvoll, einen Konsumentenkredit bei einer Bank - statt beim Händler - aufzunehmen: „Oft sind die Zinskosten trotzdem niedriger als der Rabatt, der einem beim Handeln entginge.”

Irrtum 2: „Die Riester-Rente ist für alle Sparer gut”. Die staatlich geförderte private Altersvorsorge genießt nicht zu Unrecht einen guten Ruf. Aber Verbraucherschützer warnen, dass sich nicht jedes Produkt rechnet - und nicht in jeder Lebenssituation. „Einige Riester-Produkte haben so hohe Kosten, dass die staatliche Förderung aufgefressen wird”, sagt Nauhauser, Mitautor des Ende 2008 erschienenen „Lexikons der Finanzirrtümer”.

Außerdem sei Riester für Menschen, die wegen gesundheitlicher Probleme von einer niedrigen Lebenserwartung ausgehen müssen, nicht unbedingt eine Empfehlung. Denn aufgrund der Kalkulation der Anbieter lohne sich ein Vertrag häufig erst, wenn monatliche Auszahlungen bis ins hohe Alter erfolgen, hat Nauhauser ausgerechnet. Viele würden zudem außer Acht lassen, dass auch Auszahlungen aus einer Riester-Sparvertrag besteuert werden.

Irrtum 3: „Abgeltungssteuerfrei heißt: Ich zahle keine Steuern.” Auch nach Einführung der Abgeltungssteuer zum Jahresbeginn können Anleger zum Beispiel Rentenversicherungen kaufen, mit denen sie der Werbung der Anbieter zufolge am Fiskus vorbeikommen. „Aber ,abgeltungssteuerfrei bedeutet nicht ,steuerfrei”, sagt Karin Baur, Finanzexpertin der Stiftung Warentest in Berlin. So fallen zwar zum Beispiel für Riester-Einzahlungen tatsächlich keine Abgaben an. Dafür muss die Rente später mit dem persönlichen Steuersatz versteuert werden.

Das Steuerargument sei ohnehin beliebt - auch bei anderen Produkten: „Oft versuchen Anleger, dem Finanzamt mit vermeintlichen Steuervorteilen ein Schnippchen zu schlagen. Sie achten aber oft nicht darauf, ob das Produkt selbst gut ist”, sagt Dietmar Vogelsang, Finanzsachverständiger aus Bad Homburg. Er befasst sich als Gutachter unter anderem mit juristischen Streitigkeiten über vermeintliche Steuersparmodelle. „Meist merken enttäuschte Sparer erst dann, dass sie nur deswegen keine Steuern zahlen, weil die Anlage wieder Erwarten nur Verlust gemacht hat.”

Irrtum 4: „Qualität hat ihren Preis. Denn was nichts kostet, ist nichts wert.” Während viele Verbraucher im Supermarkt oder beim Elektronikkauf genau auf Euro und Cent achten, fragen sie beim Fondskauf oder Versicherungsabschluss oft nicht nach den Kosten, hat Nauhauser beobachtet. Nur wegen des guten Namens einer Gesellschaft hohe Kauf- und Verwaltungsgebühren zu akzeptieren, lohne sich aber nicht.

Irrtum 5: „Bei Investmentfonds mit gutem Management muss mir die Rendite keine Sorge bereiten.” Das kommt den Experten zufolge auf den Fall an. Die wenigsten, einst erfolgreichen Fonds blieben dauerhaft gut, weil die Strategie nicht mehr aufgeht oder das Management wechselt: „Die meisten Fonds schlagen auf lange Sicht nicht ihren Vergleichsindex”, sagt Nauhauser. Dann aber können Anleger auch gleich zu sogenannten börsennotierten Indexfonds (ETF) greifen, die einen Index nachbilden, ohne dass jemand die darin enthaltenen Aktien aktiv für Gebühren auswählt.

Irrtum 6: „Mein Finanzberater wird mir schon etwas Gutes empfehlen.” So denken viele Anleger - und verhalten sich damit oft zu gutgläubig. Denn die meisten Finanzberater leben von den Provisionen, die sie von den Produktanbietern erhalten: „Damit sind sie Diener zweier Herren und nicht unabhängig”, sagt Nauhauser. Ihm zufolge verhalten sich viele Berater daher eher wie Verkäufer und vertreiben vorzugsweise Produkte mit hohen Gebühren. Diese seien aber nicht zwingend die beste Lösung für den Kunden. Nauhauser und Vogelsang raten daher zum in Deutschland noch wenig verbreiteten Modell der Honorarberatung. Das schließe immerhin den Interessenkonflikt aus.

Literatur zum Thema: Werner Bareis und Niels Nauhauser, Lexikon der Finanzirrtümer: Teure Fehler und wie man sie vermeidet, Econ, ISBN: 978-3-430-20061-5, 16,90 Euro.

Mehr von Aachener Nachrichten