Vaals: AZ inkognito: Eine Kaffeefahrt der modernen Art

Vaals: AZ inkognito: Eine Kaffeefahrt der modernen Art

Der Trick mit dem Scheck und den winkenden 248,30 Euro hat gewirkt. Immerhin 18 Menschen , meist Frauen im Alter von „60 plus”, haben sich durch den Brief, den sie vor Wochen von einer ominösen „Treuhand-Verwaltungsgesellschaft” erhalten haben, um den Finger wickeln lassen.

Sie möchten das versprochene Geld abholen und sind in ein Restaurant nach Vaals gekommen. Das versprochene „leckere und reichhaltige Frühstück” entpuppt sich als eine kleine Kanne Kaffee pro langem Tisch und etwas Fladen. Und auch den versprochenen Scheck gibt es vorerst nicht.

Dafür erleben die Zuhörer eine Kaffeefahrt der modernen Art: „Es handelt sich hier um eine Promotionsveranstaltung, ihren Scheck händigen wir erst ganz am Ende der Veranstaltung aus”, sagt der Redner und ergänzt, dass es sich dabei um einen „Travel-Scheck” handele. Der Plan geht auf: Die Leute bleiben.

Der Verkäufer trägt eine Nadelstreifenhose, ein weißes Hemd, eine farblich passende Krawatte, gut geputzte Schuhe und eine auffällige Armbanduhr. Er spricht mit leicht norddeutschem Akzent. „Keine Angst, ich möchte Ihnen nichts verkaufen”, beginnt er, nachdem er seine Zuhörer genau gemustert hat. Mit beiden Händen präsentiert er ein Bügeleisen, danach eine Induktionskochplatte: „Das ist eine ganz phantastische Erfindung, auf die ich Sie gerne aufmerksam machen möchte. Zu kaufen ist sie bei mir nicht, aber bei einem Verkaufskanal im Fernsehen können Sie dieses Gerät bekommen. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.”

Er demonstriert, wie schnell man damit Wasser zum Kochen bringen kann. Und natürlich zeigt er auch die angebliche Ungefährlichkeit der Induktionsplatte. Nachdem er einen Topf mit Wasser erhitzt hat, legt er seine Hand auf das Kochfeld. Nichts passiert. Induktionsplatte eben, und die reagiert nur auf Metall...

Der Mann ist psychologisch geschickt. Im Nu hat er die Gemütslage seiner Zuhörer erfasst. Die Senioren sind angetan. Ein älteres Ehepaar spricht Polnisch und nur Deutsch, wenn es mit einem Bekannten redet. „Jetzt muss ich euch noch etwas Besseres zeigen”, wechselt der Mann vorne vom Siezen ins Duzen und dann wieder zurück. Er preist einen automatischen Grill an.

Die Worte prasseln auf die Zuhörer ein. Geschickt bindet er sein Publikum ein und unterbindet lästige Zwischenfragen: Ein Ehepaar bezweifelt manch wohlklingende Angabe. „Sie sind einer Einladung gefolgt, keiner Vorladung”, fährt er dem Mann über den Mund. „Kennen Sie den Unterschied? Einer Einladung folgt man...” - er macht eine kurze Sprechpause und fährt dann ganz betont fort: „...freiwillig. Dann benehmen Sie sich auch so.” Nach einigen ähnlichen Zwischentönen haben die beiden Zuhörer genug. Nach nur rund 45 Minuten verlassen sie den kleinen Saal. Jetzt hat der Verkäufer freie Bahn. Nochmals erwähnt er eindringlich, dass alle Geräte hier nicht zu kaufen sind. Dann kommt er nach eigenem Bekunden zum absoluten Knüller, dem in Wirklichkeit der ganze Vormittag nur dient: Eine dünne Bettdecke, in die 20 Magnetstreifen quer eingenäht sind, will er an den Mann bringen.

Doch dazu bedarf es intensiver Werbung. „Wer hat schon einmal einen Krampf im Wadenmuskel gehabt?”, fragt er das Publikum. Einige Hände gehen hoch. „Hier hilft diese Decke, die mit neuesten zirkulär wirkenden Magneten ausgestattet ist.” Noch mehr Krankheiten wie Herzinfarkt und Gehirnschlag werden bemüht. Und - wen könnte es wundern - gegen all diese Krankheiten sei die Magnetdecke universell einsetzbar. Der Verkäufer hat Bücher zur Hand, natürlich besitzen die meisten Autoren einen Doktortitel. Dies wird „ganz nebenbei” betont. Jedes Mittel scheint recht, die Decke zu verkaufen. Angst, Krankheit und Tod sind gute Partner.

Mit Gewandtheit, die er vermutlich durch -zig dieser kaffeefahrtähnlichen Veranstaltungen gewonnen hat, preist er unermüdlich die Decke an. Er bemüht sogar die Raumfahrt: „Erinnern Sie sich noch an die Bilder der ersten Astronauten, die länger im Weltall waren? Sie mussten bei der Landung getragen werden, da ihre Muskeln versagten, da sie lange nicht im Magnetfeld der Erde waren. Heute steigen die Astronauten alleine aus. Ihre Raumanzüge haben Bänder, die magnetisch wirken”, predigt er seinen Zuhörern, ohne rot zu werden.

Knapp 90 Minuten geht das so. Unvermutete Sprechpausen und plötzliche Schwankungen in der Intonation garnieren den Vortrag. Schließlich kommt er zum spannendsten Teil, denn der Preis soll genannt werden, fordern einige Zuhörer: „Vertraut ihr mir?”, beginnt diese letzte Runde. „Zeigt auf! Wer vertraut mir?” Das Ergebnis war zu erwarten: Alle Hände gehen hoch. Wieder geht er zu einer Tafel, die bereits vorher dazu gedient hat, das Herz, verstopfte Arterien und ähnliches zu zeigen.

1498 Euro schreibt er auf. „Viel zu teuer” ist sinngemäß die Reaktion der Zuhörer. Die Zahl wird durchgestrichen und noch einmal durchgestrichen und noch einmal. Theatralik muss sein. Nach fünf Minuten steht der Endpreis fest: 598 Euro. Doch auch hier legt der Verkäufer noch eins drauf: „Wenn Sie mich nicht an meine Firma verraten, schreibe ich, dass es sich bei der neuen Decke um ein Vorführexemplar gehandelt hat. 498 Euro für denjenigen, der jetzt kauft. Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben...”

Nach gut drei Stunden wurden die Schecks verteilt. Ein graues Papier, dass bei einem bestimmten Reiseunternehmen auf eine Urlaubsreise angerechnet werden kann. Die Verbraucherzentrale nennt als Verkaufspreis für ähnliche Magnetdecken rund 80 Euro und warnt dringend vor dem Kauf.

Die Verbraucherzentrale warnt

Viele Bürger in der Region haben ein Schreiben einer „Verwaltungsgesellschaft” erhalten. Dahinter steckt eine deutschlandweit agierende Firma, die mit verlockenden Angeboten auf sich aufmerksam macht. Es geht um rund 250 Euro: „Dieser Betrag steht Ihnen im vollen Umfang zu. Deshalb haben wir für Sie einen Scheck ausgestellt, den wir Ihnen gerne persönlich übergeben möchten. Daher dürfen wir Sie bitten, sich Ihren Scheck im Rahmen einer kurzen Präsentation abzuholen”, heißt es.

„Vorsicht ist geboten”, warnte die Aachener Verbraucherzentrale. „Wenn man jemandem Geld zukommen lassen will, gibt es einfachere Möglichkeiten. Ein Verrechnungsscheck reicht aus”, sagt Jutta Reimnitz, Chefin der Aachener Verbraucherschützer.