Außerbörslicher Handel: Eine Alternative zum Börsenparkett?

Außerbörslicher Handel : Eine Alternative zum Börsenparkett?

Der Handel mit Wertpapieren findet typischerweise an der Börse statt. Aber Anleger können Aktien, Optionen oder Zertifikate auch kaufen oder verkaufen, ohne den Umweg über einen Börsenmakler zu nehmen. Die Alternative heißt Direkthandel.

Für Einsteiger kann es sich durchaus lohnen, sich mit den Vor- und Nachteilen dieser Handelsmöglichkeit auseinandersetzen. Beim Börsenhandel vermittelt, ganz einfach gesagt, der Börsenhändler zwischen dem Käufer und dem Verkäufer eines Wertpapiers. Beim außerbörslichen Handel fällt dieser Mittelsmann hingegen weg. Darum wird dieser Handel auch Direkthandel genannt, denn das Geschäft findet unmittelbar zwischen den beiden Parteien statt - zum Beispiel zwischen dem Emittenten des Wertpapiers und dem privaten Anleger.

In der Vergangenheit war der außerbörsliche Handel eine Domäne institutioneller Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen oder Fondsgesellschaften. Doch mittlerweile können auch private Anleger diese Möglichkeit zur Geldanlage nutzen. Die wesentliche Frage dabei: Lohnt es sich für sie?

Drei Arten des Direkthandels

Um eine Antwort darauf finden zu können, muss man verstehen, wie der Direkthandel funktioniert. Generell unterscheidet man drei Arten des außerbörslichen Handels. Da wäre zum einen der Handel normaler Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen, die auch an der Börse notiert sind. Käufer oder Verkäufer nutzen in diesem Fall den Direkthandel, wenn zum Beispiel ihre Beteiligung nicht sofort öffentlich gemacht werden soll. Auch bestimmte Finanzprodukte, für die es keine Börsenzulassung gibt, können nur außerbörslich gehandelt werden. Dazu zählen zum Beispiel Differenzkontrakte (Contracts for Difference) - das sind komplexe Instrumente, die aufgrund ihrer Hebelwirkung hohe Risiken bergen. Eine dritte Gruppe - Finanzderivate mit binären Optionen, also hochspekulative Wetten, im Fachjargon „Cash or Nothing" bezeichnet - sind in der Europäischen Union seit Juli 2018 nur noch für Profi-Trader zugelassen. Wer außerbörslich aktiv sein will, kann dies bequem von zuhause aus oder über sein Smartphone tun.

Üblicherweise findet der außerbörsliche Direkthandel auf einem spezialisierten Onlinehandelsplatz statt, der Käufer und Verkäufer zusammenführt. Solche Plattformen übermitteln die Order-Anfragen der Käufer an den Verkäufer und führen den Handel, sollte der Emittent einverstanden sein, binnen weniger Sekunden aus. Wer frei handeln möchte, der kann unter Berücksichtigung von Marktlage und Marktpreisen kaufen oder verkaufen. Vorsichtigere Trader können aber auch, wie an der Börse, Ober- oder Untergrenzen (sogenannte Limits) für den Kauf beziehungsweise Verkauf festsetzen.

Mehr Flexibilität und geringere Kosten

Für private Anleger bietet der außerbörsliche Handel durchaus eine Reihe von Vorteilen: So sind die Handelszeiten beim Direkthandel länger als bei klassischen Börsengeschäften. Während die offiziellen Öffnungszeiten der Börsen zwischen 9 und 17.30 Uhr liegen, darf der außerbörsliche Handel auch später stattfinden. Üblich sind Zeitfenster von 8 bis 22 oder 23 Uhr. Private Trader erhalten dadurch etwas mehr Flexibilität und können beispielsweise abends noch handeln, wenn die börslichen Handelsplätze bereits geschlossen sind.

Für Anleger bedeutet der Direkthandel auch, dass sich Kosten sparen lassen. Denn ohne Mittelsmann entfällt die bei Börsengeschäften zu entrichtende Courtage, ebenso die Gebühr für den Börsenplatz selbst. Wer über einen Onlinebroker außerbörslich handelt, der muss durchaus auch mit bestimmten Gebühren rechnen. Oft wird ein bestimmter Festpreis pro Order fällig, während beim Börsenhandel die Höhe der Gebühren einem gewissen Prozentsatz des Ordervolumens entspricht. Doch insgesamt ist der Direkthandel in der Regel günstiger als der Börsenhandel.

Weniger Regulation und geringere Markttransparenz

Im Vergleich zum Geschehen auf dem Börsenparkett ist der Direkthandel allerdings weniger reguliert. Während sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) um einen verlässlichen Rahmen an der Börse kümmert, unterliegt der außerbörsliche Handel keiner staatlichen Überwachung. Zwar müssen sich die Online-Anbieter an grundlegende gesetzliche Bestimmungen zum Wertpapierhandel halten, doch die Behörden sind nur für solche Handelsräume zuständig, bei denen es sich um Tochtergesellschaften regulärer Börsen handelt - etwa Tradegate Exchange, einem Unternehmen der Deutschen Börse, oder Gettex, einer Börsenplattform, die zur Bayrischen Börse gehört.

Auch die Transparenz des Marktgeschehens ist insgesamt geringer. Unternehmen, die Wertpapiere außerbörslich anbieten, müssen weniger Informationen über sich bereitstellen als börsennotierte Firmen. Wie belastbar die prognostizierte Entwicklung des Unternehmens dann ist, bleibt oft ungewiss. Probleme entstehen auch, wenn ein Broker sich als Market Makler betätigt und Kurse künstlich hoch (oder niedrig) hält, nur damit viele Transaktionen getätigt werden.

Auch die Verfügbarkeit von Finanzprodukten, die sogenannte Volatilität, ist schwerer einzuschätzen als an der Börse. Außerhalb der regulären Börsenzeiten kann das Handelsvolumen zu gering sein, um realistische Kurse abzubilden. Spätere Kurseinbrüche deuten sich dann beispielsweise gar nicht erst an, wie die WirtschaftsWoche berichtete.

Chancen und Risiken abwägen

Für private Anleger bietet der außerbörsliche Handel mit Wertpapiere etliche Chancen - nicht zuletzt aufgrund des breiteren Spektrums an handelbaren Finanzprodukten und den geringeren Kosten im Vergleich zum Börsenhandel. Andererseits richtet sich der Direkthandel als solcher tendenziell an erfahrene Anleger, die sich sowohl mit den angebotenen Finanzprodukten als auch dem Marktgeschehen auskennen. Der Wegfall der Börsengebühren spielt vor allem Daytradern in die Hände, also Händlern mit zahlreichen Kauf- und Verkaufsaufträgen pro Tag. Einsteiger sollten sich vorab gründlich überlegen, ob sie der Typ für diese Anlageform sind - und sich umfassend informieren.

(vo)
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