Wohnen für Hilfe: Eine Stunde Arbeit pro Quadratmeter

Wohnen für Hilfe: Eine Stunde Arbeit pro Quadratmeter

Aachen/Münster. In der Herbstsonne sieht der liebevoll angelegte Schrebergarten der Familie Haarmann schmuckvoll aus. „Aber schon wieder ist alles voller Unkraut”, sagt Gabriele Haarmann, als sie mit sorgenvoller Miene durch die Beete läuft.

Für die 77-jährige ist ein Leben ohne den Garten in der Nähe ihres Hauses in der Münsteraner Innenstadt kaum denkbar. Schließlich werkelt sie seit Jahrzehnten hier. „Aber ohne Hilfe schaffe ich es nun nicht mehr”, sagt die ältere Dame. Nun hat die verwitwete Seniorin sich im Sommer bei dem Projekt „Wohnen für Hilfe” angemeldet.

Seit September wohnt die 22-jährige Studentin Swantje Behrens in der großen Einliegerwohnung im Dachgeschoss von Haarmanns Haus. Sie zahlt außer den Nebenkosten keine Miete für die zwei Zimmer mit eigener Küche und eigenem Bad. Dafür hilft sie Haarmann an zwei Nachmittagen in der Woche mit dem Garten und auch mit anderen Dingen, die anfallen.

„Momentan machen wir die Beete winterfest”, sagt die Studentin, während sie mit der Seniorin am Grünkohl-Beet zugange ist. Zwischen den beiden hat sich schnell eine gute Beziehung entwickelt: „Es war sofort vertraut”, sagt Haarmann.

In Münster bringen Erwin Stroot und seine Frau Ursula Studenten und Senioren in dem Projekt „Wohnen für Hilfe” zusammen. Ältere Menschen, die alleine in großen Häusern oder Wohnungen wohnen, geben dabei kostenlos Wohnraum an Studenten, die dafür kleine Arbeiten für sie erledigen. „Viele junge Leute wollen Kosten sparen, aber auch Erfahrungen im sozialen Bereich sammeln”, erzählt Stroot.

Und ältere Menschen freuten sich über mehr Gesellschaft und wieder ein wenig Leben in der Wohnung. Insgesamt 50 Partnerschaften betreuen Stroot und seine Frau nach eigenen Angaben derzeit ehrenamtlich. Zum aktuellen Wintersemester ist die alternative Wohnform für Studenten sehr gefragt, sagt Stroot.

Allerdings gebe es oftmals bei den Senioren Vorbehalte, wenn es darum gehe, sich einen fremden „Mitbewohner” ins Haus zu holen. Auch wenn in den meisten Fällen die Senioren und Studenten jeweils ihre eigene Wohnung haben und somit nicht direkt zusammenwohnen. „Ich war auch skeptisch”, sagt Haarmann ganz offen: „Stellen Sie sich mal vor, Ihnen passt die Nase des jungen Menschen nicht und dann müssen Sie ihm sagen, er soll ausziehen.”

Bei Swantje Behrens habe sie allerdings von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt, betont sie. Auch die gelernte Erzieherin Behrens, die nun in Münster im dritten Semester soziale Arbeit studiert, fühlt sich wohl bei Haarmann. „Das mit der Gartenarbeit finde ich super, das wollte ich schon immer mal lernen”, sagt die 22-Jährige.

An Gesprächsthemen mangelt es den beiden auch nicht. „Wir reden eigentlich über Gott und die Welt”, sagt Behrens. Die Studentin klopft außerhalb der vereinbarten Zeiten fast täglich an die Tür und hält ein Schwätzchen mit ihrer 77-Jährigen Wohnpartnerin, wie beide erzählen. Immer mal wieder essen sie gemeinsam Kuchen, den die Seniorin gebacken hat.

Außer in Münster gibt es das Projekt „Wohnen für Hilfe” in Aachen, Köln, Düsseldorf und Siegen. Oftmals ist allerdings die Finanzierung der aufwendigen Vermittlung nicht gesichert. So hat das Sozialministerium nach eigenen Angaben eine finanzielle Förderung der Projekte in Münster und in Köln nicht verlängert, weil es nicht weiter für „förderungswürdig” befunden wurde. In Münster vermitteln Stroot und seine Ehefrau seitdem auf ehrenamtlicher Basis, in Köln sprangen Stadt und Universität als Geldgeber ein.

„Ein Jahr lang hat das Projekt allerdings im Dornröschenschlaf gelegen”, beklagt Sandra Wiegeler von „Wohnen für Hilfe” in Köln. Zwölf Senioren-Studenten-Wohngemeinschaften bestehen dort derzeit, in Aachen sind es fünf, in Siegen zwei, in Düsseldorf gibt es eine Partnerschaft. Nicht immer klappt das Zusammenleben, wie Vermittler Stroot aus seiner Erfahrung in Münster weiß. Daher sei die gründliche Kennenlernphase bei der Vermittlung sehr wichtig.

Konflikte gab es in der Wohngemeinschaft von Haarmann und Behrens in Münster in den ersten Monaten ihres Zusammenlebens noch nicht. Regelmäßige laute Partys über ihrer Wohnung würde sie allerdings nicht dulden, sagt die Seniorin resolut. Behrens hat damit kein Problem: „Ich bin eher ein ruhigerer Typ, daher fühle ich mich nicht eingeschränkt”, sagt sie.

Studenten und ältere Wohnungsbesitzer füllen vor der Vermittlung in der Regel einen umfangreichen Bewerbungsbogen aus, in dem sie ihre Wünsche und Anforderungen an den anderen angeben. Studenten können außerdem die Hilfsleistungen notieren, die sie den älteren Menschen anbieten. Pflegetätigkeiten sind dabei generell ausgeschlossen. In der Regel bieten Studenten Haus- und Gartenarbeiten oder auch gemeinsame Unternehmungen an.

Für jeden Quadratmeter Wohnraum, den die Studenten bei Senioren zur Verfügung gestellt bekommen, müssen sie pro Monat eine Stunde Arbeit ableisten. Allerdings müssen die jungen Mitbewohner in der Regel nicht mehr als 30 Stunden pro Monat arbeiten, weil ihr Studium im Vordergrund stehen soll. Üblicherweise werden die Studenten außerdem an den Nebenkosten für ihr Zimmer oder ihre Einliegerwohnung beteiligt.

Vor dem Zusammenziehen unterschreiben Studenten und Senioren einen Partnerschaftsvertrag, in dem die Anforderungen an das Zusammenleben genau festgelegt sind. Die örtlichen Projekte von „Wohnen für Hilfe” werden unterschiedlich finanziert. Oftmals ist die Stadt oder die Universität als Geldgeber involviert.

Die Idee für das Projekt „Wohnen für Hilfe” kommt ursprünglich aus England. Deutschlandweit gibt es „Wohnen für Hilfe” unter anderem in Aachen, Düsseldorf, Freiburg, Jena, Karlsruhe, Köln, Marburg, München, Münster, Saarbrücken, Siegen und Stuttgart. Auch in Frankreich, Kanada, Spanien und Italien gibt es vergleichbare Wohnprojekte.

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