Heidelberg/Berlin: Wer den Seitensprung beichtet, tut dem Partner keinen Gefallen

Heidelberg/Berlin: Wer den Seitensprung beichtet, tut dem Partner keinen Gefallen

Ist die Liebe noch frisch, können beide Partner nicht genug voneinander bekommen. Doch im Laufe der Jahre, wenn der Alltag die ganz großen Emotionen verdrängt hat, entfremden sich beide immer mehr.

In dieser Situation kommt es immer wieder zu Affären. Fliegt das Doppelleben auf, stellen sich viele Fragen: Warum ist mein Partner fremdgegangen? Und was kommt danach?

Aus seiner langjährigen Erfahrung als Paartherapeut weiß Ulrich Clement aus Heidelberg, dass sich Paare eine romantische und lebenslange Beziehung wünschen. Tatsächlich sehe der Alltag oft anders aus: „Erfüllung und Abwechslung werden bei einem neuen Partner gesucht.”

Obwohl sich mehr als 90 Prozent aller Menschen in einer festen Beziehung vor allem Treue wünschen, geht inzwischen fast jeder Zweite fremd. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, einem Seitensprung gehe eine kaputte Beziehung voraus. Doch das stimmt nur zum Teil.

Insgesamt gibt es drei Gründe für einen Seitenspruch, sagt der Psychotherapeut Wolfgang Krüger in Berlin. „60 Prozent der Fremdgeher führen eine unglückliche Beziehung. Sie haben sich von ihrem Partner entfremdet, haben mit ihm kaum noch Sex.” Der Rest ist entweder narzisstisch veranlagt und braucht regelmäßig Zuspruch fürs eigene Ego - oder hat Angst vor zu viel Nähe.

Obwohl sich Betrogene von einem einmaligen Seitensprung oft genauso gedemütigt fühlen wie von einer länger andauernden Affäre, sieht Krüger zwischen beiden Varianten große Unterschiede. „Ist es zum Beispiel einmal bei der Betriebsfeier passiert, hat es für den Betrüger keine große Bedeutung”, glaubt er. Gehe der Partner regelmäßig fremd, zeige das dagegen schon eine gewisse Abgebrühtheit und Gleichgültigkeit. „Gehört der Partner nicht zu den narzisstischen Menschen, weist die Affäre darauf hin, dass er sich in der Beziehung nicht mehr hundertprozentig wohl fühlt.”

Doch egal, wie oft ein Seitensprung passiert - der Vertrauensbruch sei groß, sagt Clement „Eine Beziehung begründet sich nun mal auf Treue.” Durch einen Seitensprung erfahre der Partner, dass in diesem Moment ein anderer interessanter und anziehender war als er selbst. „Das ist eine Kränkung, die von dem, der betrügt, oft unterschätzt wird.”

Paartherapeut Ulrich Clement warnt deshalb vor allzu viel Ehrlichkeit. „Viele Fremdgeher glauben, mit einer Beichte ihr Gewissen entlasten zu können. Die Frage ist aber immer, was man mit seinem Geständnis erreichen will und ob das nicht auf einem anderen Weg besser gelingen würde.”

Eine Beichte kann sich auch anderweitig negativ auf die Beziehung auswirken: „Der Partner wird für lange Zeit misstrauisch sein, wird vielleicht mein Handy kontrollieren und mir mein Vergehen bei jedem noch so kleinen Streit vorhalten”, warnt Wolfgang Krüger. Nach einer Beichte gehe ein Drittel der Beziehungen kaputt. „Das zweite Drittel trennt sich nach einem Jahr - aber nicht, wegen der Beichte, sondern weil die Beziehung schlecht lief.”

Viele Partnerschaften scheitern an einem Seitensprung, andere werden gerade durch ihn gerettet. Für Wolfgang Krüger ist der Seitensprung wie eine Stange Dynamit, die in einen Teich geworfen wird. „Entweder, er jagt das, was man sich über lange Zeit aufgebaut hat, in die Luft - oder die Beziehung bekommt noch mal neuen Schwung.”

Der Paartherapeut Wolfgang Hantel-Quitmann aus Hamburg rät Paaren, nicht vorschnell einen Schlussstrich zu ziehen. „Gerade in einer Krise fahren die Gefühle Achterbahn”, sagt Hantel-Quitmann. Funktioniere das Zusammenleben nach einem Seitensprung nicht mehr, rät er zu einer Trennung auf Probe. Dann werde sich zeigen, wie sehr sich beide vermissen, und ob die Beziehung noch eine Chance hat.

Fremdgehende Männer verlassen ihre Frauen selten

Wolfgang Krüger glaubt, dass sich mittlerweile „eine Art Demokratie” beim Fremdgehen entwickelt hat. „Die Frauen haben in den letzten Jahren aufgeholt und tun es inzwischen genauso oft wie Männer”, so der Paartherapeut. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern liegen beim Umgang mit dem Partner: „Männer verlassen so gut wie nie ihre Ehefrau für die Geliebte”, erklärt Psychologin Anna Schoch in München. Männer seien in der Lage, beides zu trennen - die heimlichen Besuche bei der Freundin und das Leben mit der Partnerin, sagt Krüger. Frauen handeln dagegen oft anders. „Wenn der Seitensprung länger als ein Jahr anhält, entscheiden sie sich meistens für den Geliebten.”

Mehr von Aachener Nachrichten