Berlin: Was will ich? Entscheidungen aufschieben ist keine Lösung

Berlin: Was will ich? Entscheidungen aufschieben ist keine Lösung

Was soll ich machen? Den roten oder den blauen Pulli kaufen? Den Ausbildungsplatz im Nachbarort annehmen oder warten, bis ich was in der Nähe finde? Experten schätzen, dass jeder Mensch täglich tausende Entscheidungen fällt. Viele davon klappen ohne Mühe und laufen fast unbewusst ab. Doch bei einigen Entscheidungen ist man unsicher und weiß nicht genau, was man eigentlich will.

„Sich entscheiden bedeutet immer auch: Eine Möglichkeit wird ausgeschlossen”, erklärt die Dipl.-Psychologin Elisabeth Raffauf aus Köln. Und genau das sei nicht einfach.

„Dass eine Möglichkeit wegfällt, tut weh, denn aus psychologischer Sicht wollen wir eigentlich immer alles haben.” Hinzu komme, dass man mit einer Entscheidung Stellung für oder gegen etwas beziehen und Verantwortung übernehmen muss. „Davor haben Menschen manchmal Angst, gerade, wenn es um größere und wichtige Entscheidungen geht.”

Herauszögern ist zwar verlockend, aber oft keine Lösung. „Es ist meist ein Trugschluss, dass nichts geschieht, wenn man nichts entscheidet”, sagt die Expertin. Schließlich könne dann passieren, dass man zum Beispiel die Party eines Freundes verpasst, nur weil man sich nicht entscheiden konnte, ob man hingeht oder nicht. „Außerdem kann es passieren, dass andere die Entscheidung für mich übernehmen, wenn ich das nicht tue - und das muss dann nicht immer in meinem Sinne sein.”

Auch deswegen ist es meist besser, sich selbst zu entscheiden, sagt Maria El-Safti-Jütte vom Berliner Kinder- und Jugendtelefon: „Manchmal ist es wichtig, Entscheidungen zu treffen, damit sich im Leben etwas bewegt.” Gerade, wenn man sehr unzufrieden mit etwas ist, könne es gut tun, sich zu einer Veränderung zu entschließen. Ein Beispiel: „Nun rufe ich endlich die und die Leute an”.

Schwieriger wird es bei Entscheidungen, bei denen es verschiedene Alternativen gibt. „In so einem Fall können Pro-und-Contra-Listen sinnvoll sein”, rät El-Safti-Jütte. Gerade wenn jemand zu Bauch-Entscheidungen neigt, könnten solche Listen dazu führen, nichts überstürzt aus der Stimmung heraus zu entscheiden. Denn sie helfen beim Reflektieren. Außerdem werden die Vor- und Nachteile klarer.

Doch nicht nur der Kopf zählt, findet El-Safti-Jütte. „Eher sachliche Menschen sollten auf jeden Fall auch ihrem Bauchgefühl Raum geben.” Immerhin sei es - abgesehen von den „vernünftigen” Gründen - auch wichtig zu wissen „Wo zieht es mich hin? Was wollen mein Bauch und mein Herz?” Das sei beispielsweise bei Berufsentscheidungen zentral, da die Arbeit ja auch Spaß machen soll.

Kai-Jürgen Lietz setzt noch auf einen anderen Weg. „Es geht ja oft nicht nur um die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten, sondern auch um das Ziel, das man damit verfolgt”, sagt der Entscheidercoach aus Bad Homburg. Also: Will ich später Kfz-Meister sein? Wenn ja, dann wäre es nicht zielgerichtet, erst die Maler-Ausbildung anzufangen.

„Das Grundproblem bei scheinbar schwierigen Entscheidungen ist, dass man nicht weiß, was man will”, erzählt Lietz aus seiner Erfahrung. Deswegen sollte man sich im ersten Schritt genau darüber klar werden. „Wer in die Zukunft schaut, erkennt eher, was das Ziel ist.” Der Vorteil: Wer weiß, was er erreichen will, kann sich möglicherweise schon jetzt besser entscheiden.

Allzu schnell sollte man dabei aber nicht sein. „Zuerst einmal kann es sinnvoll sein, sich wirklich alle Alternativen anzuschauen und neue zu schaffen”, rät Lietz. Vielleicht geht es ja nicht nur um die Entscheidung „Kaufe ich mir mit dem Ersparten ein Auto - ja oder nein?” Beim genaueren Hinschauen ergeben sich möglicherweise auch neue Ideen wie „Ich organisiere mir eine Fahrgemeinschaft und hebe mir das Geld für meine lange gewünschten Musikinstrumente auf”. Erst, wenn das geklärt ist, sollte die Entscheidung getroffen werden.


Keine Angst vor Fehlentscheidungen

Viele Menschen haben Angst vor falschen Entscheidungen. „Wer so denkt, sollte sich jedoch klar machen, dass wir alle immer wieder Fehler machen, das gehört zum Leben dazu”, sagt die Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf. Hinzu komme, dass nicht jede Entscheidung endgültig ist. „Wenn ich später merke, dass ich doch lieber etwas anderes möchte, kann ich manchmal noch umschwenken, selbst wenn es einen kleinen Umweg bedeutet.” Außerdem hätten auch falsche Entscheidungen einen Sinn. „Man lernt, was man beim nächsten Mal anders machen könnte, was man vielleicht berücksichtigen sollte.”

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