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Berlin: Spielkreis statt Kneipentour: Wenn Freunde Eltern werden

Berlin : Spielkreis statt Kneipentour: Wenn Freunde Eltern werden

Susanne Mierau hatte das Glück, zeitgleich mit einer Freundin schwanger zu sein. „Wir konnten uns sehr viel austauschen”, erzählt die Kleinkindpädagogin. Doch im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass beide sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten, wenn es um die Kinder ging. Susanne wollte in einem Geburtshaus entbinden, ihre Freundin in der Klinik. Susanne plante, zwei Jahre zu stillen, die Freundin sechs Monate. „Der Kontakt ist nach und nach eingeschlafen.”

Auch andere Freundschaften blieben auf der Strecke. „Teils war es ein schleichender Übergang”, sagt Mierau. „Bei manchen war es aber auch ein abruptes Ende, weil ich zum Beispiel nicht mehr in die Disko gehen konnte.”

Das erste Kind ist eine „glückliche Naturkatastrophe”, sagt der Berliner Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger. In der Familie herrsche völliger Ausnahmezustand. „Das verändert das ganze Leben und auch die Freundschaften.”

Vielen Eltern bleibt zumindest in den ersten ein, zwei Jahren häufig einfach nicht mehr die Zeit, regelmäßig zu Lesungen oder in die Kneipe zu gehen. Stattdessen tingeln sie nach Nächten mit wenig Schlaf zwischen Kita, Babykurs, Spielplatz und Job hin und her und sinken abends müde auf die Couch. „Im ersten Jahr stehen die Kinder so im Mittelpunkt und die Eltern sind froh, wenn sie das einigermaßen überleben”, erklärt der Psychologe. „Viel Zeit für Freunde ist da eine völlige Illusion.”

Andererseits bieten Schwangerschaft und Elternzeit unzählige Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen. Wahre Kontaktbörsen sind etwa Kurse zur Geburtsvorbereitung oder Yoga. Sobald das Kind auf der Welt ist, geht es zur Babymassage, zum Pekip oder zum Babyschwimmen. Auch beim Spazierengehen im Park oder im Eltern-Kind-Café tauschen Eltern freundliche Blicke aus und kommen meist schnell miteinander ins Gespräch.

„Ich habe viele neue Freunde durch Kurse und Spielgruppen gefunden”, sagt Mierau. Die Familienbegleiterin, Bloggerin und zweifache Mutter gibt auch selbst Kurse. Sie leitet unter anderem zweimal pro Woche einen Spielkreis.

Mütter aus ihren Kursen verbinden sich zum Beispiel über soziale Netzwerke wie Facebook. Außerdem hat Mierau die Erfahrung gemacht, dass die Familien sich nach Ende der Kurse weiter regelmäßig treffen. Daraus können sich echte Freundschaften entwickeln.

Solche neu entstandenen Freundschaften können durchaus von Dauer sein. „Es muss nicht sein, dass diese sich verflüchtigen, wenn die Kinder groß sind”, sagt der Psychologe Horst Heidbrink. Wesentlich für eine Freundschaft sind gemeinsame Interessen und Einstellungen.

Doch diese können sich im Laufe des Lebens verändern. „Außerdem basieren Freundschaften auf einer Balance von Geben und Nehmen”, sagt Heidbrink. „Wenn man über einen längeren Zeitraum diese Balance nicht findet, fühlt sich der eine möglicherweise ausgenutzt und der andere fühlt sich beim anderen in der Schuld.” Doch was kann man tun, um zu verhindern, dass es wegen der neuen Lebenssituation mit Kind zum Bruch mit alten Freunden kommt?

„Gegenseitige Vorwürfe in der Art „Du hast kein Interesse mehr an der Freundschaft” sind meist ziemlich fruchtlos”, sagt Heidbrink. „Man kann zum Beispiel konkret Vorschläge machen, was man zusammen unternehmen könnte.” Das darf durchaus ein Fahrradausflug mit Kind sein. Und Eltern können ihre Freunde zum Beispiel durch Patenschaften integrieren.

„Auf der anderen Seite sollte man den bisherigen Interessen einer Freundschaft weiter Raum geben”, sagt der Psychologe. „Wenn man mit jemandem regelmäßig Sport gemacht hat, sollte man das weiterhin tun. Sonst ist das ein Signal: Du bist mir jetzt nicht mehr so wichtig.” Man kann zum Beispiel mit dem Partner regeln, dass jeder wenigstens einen Abend pro Woche für sich bekommt.

Doch auch bei den Freunden sind Verständnis und Entgegenkommen gefragt, selbst wenn sich viele Gespräche um volle Windeln und durchwachte Nächte drehen. „Ich muss als Freund akzeptieren, dass man ständig über diese Fragen spricht und dass fast alle Treffen bei der Familie zu Hause stattfinden”, sagt Krüger. Im Idealfall bietet man der Familie Unterstützung an, zum Beispiel als Babysitter.

Enge Freundschaften sind wichtig, gerade für die frischgebackenen Eltern. „Die Gefahr ist, dass man einsam wird. Man braucht irgendwann eine andere Welt und Abstand”, sagt Krüger. „Wir haben normalerweise drei sehr gute Freundschaften.” Darüber hinaus pflegt jeder noch etwa 12 bis 16 „Durchschnitts-Freundschaften”. „Die kann man beruhigt etwas locker lassen.”

Und am Ende gibt es sogar gute Möglichkeiten, alte und neue Freunde zusammenzubringen - auch wenn sie vielleicht sehr verschieden sind. „Zum Geburtstag feiern wir große Feste, die kein starres Programm haben”, sagt Susanne Mierau. Die Feiern starten dann schon am Nachmittag und jeder kann kommen und gehen, wann er will.

(dpa)