Berlin/Wuppertal: Sorgentelefon wird stark beansprucht

Berlin/Wuppertal: Sorgentelefon wird stark beansprucht

Das Telefon steht während der Beratungszeit kaum still. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der „Nummer gegen Kummer” erhalten heute täglich rund 2.900 Anrufe im Schnitt.

Da sei es nicht selten, dass Kinder und Jugendliche nicht gleich beim ersten Mal durchkommen, sagt der Geschäftsführer des deutschlandweit anonymen Sorgentelefons, Rainer Schütz. Sie sind montags bis samstags zwischen 14.00 und 20.00 Uhr erreichbar.

Der Zuspruch wächst ständig: Die Zahl der Anrufe hat sich mit jetzt rund 900.000 im Jahr seit 2000 fast versechsfacht. „Dies geht vor allem auf die erweiterten Beratungszeiten und die Möglichkeit zurück, dass die Jungen und Mädchen nun auch per Handy ihre Probleme den fast 4.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern anvertrauen können”, sagt Schütz in einem dapd-Interview. Der Dachverband der Kinder- und Jugendtelefone wurde am 30. November 1980 gegründet und ist mittlerweile Deutschlands größtes Beratungsangebot unter der einheitlichen kostenlosen Nummer 0800-1110333, wie der Geschäftsführer, der seit 1998 dabei ist, beteuert.

„Gerade die Anonymität hilft, Gespräche auf Augenhöhe zu führen”, begründet er den Erfolg der Nummer gegen Kummer, die über bundesweit 93 Standorte verfügt. Die Kinder und Jugendlichen wüssten, dass alles vertraulich behandelt werde. „Zudem können wir den Anrufern, die überwiegend im Alter von 9 bis 16 Jahren sind, in den allermeisten Fällen Möglichkeiten aufzeigen, an wen sie sich wenden können. Manchmal rufen junge Mädchen auch mehrmals an, wenn es um eine Schwangerschaft geht.” Mädchen stellten mit etwa 60 Prozent den Großteil der Anrufer.

Bei der Zeugnisausgabe steigt die Zahl der Anrufe deutlich

Obwohl zwei Mal im Jahr die Telefonnummer bei der Zeugnisausgabe stark gefragt ist, stehen nach Vereinsangaben eigentlich klassische pubertäre Themen wie erste Liebe und Sexualität im Vordergrund. „Aber es gibt auch gravierende Notfälle”, berichtet Schütz. „Zum Beispiel, wenn Missbrauchsopfer oder akut Selbstmordgefährdete sich melden.” Solche Probleme würden „heute sehr viel öfter an uns herangetragen als noch vor zehn Jahren”, sagt Schütz. Er fügt hinzu, dies seien längst keine Einzelfälle mehr. „Wenn wir den Eindruck haben, dass Kinder und Jugendliche keinen Ausweg mehr für sich sehen, versuchen wir mit Einverständnis des Kindes auch direkte Hilfe zu vermitteln.”

Nach neuesten Erhebungen erkundigen sich die Jungen am häufigsten jedoch nach sexuellen Praktiken, haben Probleme mit ihrem Körper und Langeweile (jeweils rund sieben Prozent). Bei den Mädchen steht ganz oben das Verliebtsein (etwa neun Prozent), gefolgt von Kontaktwünschen, Liebeskummer und ihr Aussehen. Zudem nehmen im heutigen Medienzeitalter ihre Web-Sorgen zu, wie Schütz weiß. Als Beispiele nannte er Cybermobbing und Datenklau im Internet. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) und Jugendforscher Klaus Hurrelmann stellen am Dienstag in Berlin die Studie 2010 zur Nummer gegen Kummer vor.

Bis zu 100 Stunden Schulung vor dem ersten Einsatz

Schütz wünscht sich angesichts der vielen Anrufer mehr finanzielle Hilfe. „Wir müssen jedes Jahr darum kämpfen, dass wir die Angebote aufrechterhalten können. Deshalb sind neue Sponsoren sehr willkommen”, meint er. Unterstützt wird die „Nummer gegen Kummer” seit vielen Jahren unter anderen vom Bundesfamilienministerium und der Deutschen Telekom.

Damit die Sorgentelefon-Mitarbeiter gut gewappnet sind, werden sie vor ihrem ersten Einsatz umfassend geschult: In 70 bis 100 Stunden werden sie Schütz zufolge auf die Beratungstätigkeit vorbereitet. Auch regelmäßige weitere Schulungen stehen auf dem Plan.
Von dem Verein betreut wird auch das Elterntelefon, das 2001 eingerichtet wurde. Dieses Angebot steht unter der Telefonnummer 0800-1110550 montags bis freitags von 9.00 bis 11.00 Uhr und dienstags und donnerstags von 17.00 bis 19.00 Uhr zur Verfügung.