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Wöllstein/Wangen: Selbst- und Fremdbild: Warum sie manchmal auseinanderklaffen

Wöllstein/Wangen : Selbst- und Fremdbild: Warum sie manchmal auseinanderklaffen

Kürzlich auf dem Klassentreffen: 20 Jahre nach dem Abi rückten die einstigen Mitschüler mit der Sprache heraus. „Du warst immer so unnahbar, wirktest so arrogant.” Blankes Entsetzen.

Hatte sich Mareike Scholz (Name geändert) doch immer als freundlicher, kumpelhafter und extrem umgänglicher Mensch gesehen. Bei näherer Betrachtung lag der Grund für die unterschiedlichen Einschätzungen auf der Hand: Heute 1,78 Meter groß, überragte sie schon als Teenager die meisten ihrer Mitschüler - und wirkte mitunter, als gucke sie auf die anderen herunter.

„Wir senden 80 Prozent der Informationen über die Körpersprache”, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Anni Braun in Wöllstein (Rheinland-Pfalz). Und dieser Informationen sind wir uns häufig gar nicht bewusst. Die Folge: Selbst- und Fremdbild klaffen erheblich auseinander.

„Jeder hat seine eigene Art, sich und die anderen zu sehen und das durch einen sehr subjektiven Filter”, sagt Roland Raible, Psychologe und Psychotherapeut in Wangen im Allgäu. Dabei neigen wir dazu, genau das herauszufiltern, was uns selbst nicht gefällt.

Zwar versuchen die meisten, sich selbst auch kritisch zu sehen, gleichzeitig ist man - meist unbewusst - aber bemüht, das eigene Bild von sich ständig zu bestätigen. „Und dieses Bild entwickelt sich ein Leben lang und ist von der frühesten Kindheit geprägt”, so Raible weiter.

Dazu zählten auch die bewussten und unbewussten Rückmeldungen aus unserer Umgebung. „Wir versuchen die Verhaltensmuster zu leben, mit denen wir Erfolg haben”, erklärt Anni Braun. Das könne etwa der in Mitteleuropa als sympathisch empfundene mittelstarke Händedruck sein, den man durchaus trainieren kann. Schließlich brauche man bis zu einem gewissen Grad auch eine Fassade, einen Schutzschild, um im Leben bestehen zu können. Dabei kommt es allerdings auf Authentizität an.

„Wenn wir nur eine Rolle, ein Verhaltensmuster spielen, ist das oft unglaubwürdig”, sagt Susanne Oldenburg, Business-Coach in Hamburg. Authentisch könne aber nur der sein, der um seine Stärken weiß und mit sich im Reinen ist. „Deswegen sollte man nicht ständig in seinen Schwächen herumwühlen, sondern sich seine Stärken bewusst machen”, rät sie.

Viele Menschen stellten ihr Licht zu sehr unter den Scheffel. „Das heißt natürlich nicht, dass nicht jeder hin und wieder sein Handeln auch mal hinterfragt.” Denn vielen sei gar nicht bewusst, wie die eigene Körperhaltung und Sprache auf andere wirken. Deswegen heißt es: sich von anderen eine Einschätzung holen.

„Die wichtigste Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man Menschen fragt, die einem grundsätzlich wohlwollend gegenüberstehen”, sagt Raible. Zudem sollte man sich sicher sein, dass der andere sein möglicherweise neu gewonnenes Wissen über einen selbst nicht später als Waffe gegen einen verwendet.

Als Selbstverständlichkeit sieht Susanne Oldenburg, dass man nur diejenigen um ein Feedback bittet, die einem wichtig sind. Und Anni Braun weist darauf hin, dass diese Rückmeldung natürlich sehr subjektiv ist und nur die Meinung eines Einzelnen. Denn auch der andere begründe seine Einschätzung auf der eigenen Erfahrung, Sozialisation und Erziehung.

Kleine Marotten, wie sich ständig ans Ohr fassen, die Strähne aus dem Gesicht streichen oder der Gebrauch von überflüssigen Floskeln lassen sich abgewöhnen. „Größere Gesten kann man allerdings kaum einstudieren, ohne dass sie aufgesetzt wirken”, sagt Braun.

Entscheidend sei, dass man sich innerlich und äußerlich annimmt. „Dafür muss man sich mit sich anfreunden”, sagt die Psychologin. Denn nur so kommt man dem Ursprung mancher Fehleinschätzung auf die Spur.