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Rostock: Klinik muss befruchtete Eizellen an Witwe herausgeben

Rostock : Klinik muss befruchtete Eizellen an Witwe herausgeben

Das Rostocker Oberlandesgericht hat am Freitag zugunsten einer Frau aus Vorpommern entschieden, die ein Kind von ihrem verstorbenen Mann austragen will. Die 29 Jahre alte Witwe hatte auf Herausgabe ihrer befruchteten Eizellen geklagt, die tiefgefroren in einer Neubrandenburger Klinik lagern.

Im März 2008 waren die Samenzellen des Ehemannes durch künstliche Befruchtung den Eizellen injiziert worden. Der Mann starb kurz darauf bei einem Motorradunfall. Die Klinik verweigerte bislang die Herausgabe mit der Begründung, dass laut Embryonenschutzgesetz eine künstliche Befruchtung mit dem Samen Toter verboten sei. Die Klinikleitung fürchtete, wegen Beihilfe zur Rechenschaft gezogen zu werden.

In erster Instanz vor dem Neubrandenburger Landgericht hatte die Klinik Recht bekommen. Die Richter argumentierten, Ei und Samenzelle seien eingefroren worden, bevor sie vollständig verschmolzen waren. Damit würde eine Befruchtung rechtlich erst nach dem Auftauen stattfinden. Die Befruchtung mit den Samenzellen eines Toten sei aber nach dem Embryonenschutzgesetz verboten.

Der Moralphilosoph Dieter Birnbacher hat sich klar auf die Seite der Klägerin gestellt. „Ethisch gesehen ist es völlig unerheblich, ob der Vater noch lebt”, sagte der Düsseldorfer Professor für Praktische Philosophie, der unter anderem Mitglied in der Ethikkommission der Bundesärztekammer ist, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp. Das deutsche Recht sei deutlich restriktiver als in anderen europäischen Ländern darauf bedacht, dass ein Kind von beiden Elternteilen großgezogen werde. „Aber es können immer Umstände auftreten, in denen ein Kind ohne seinen Vater aufwächst”, sagte der Experte und verwies auf Scheidungskinder oder Todesfälle während der Schwangerschaft.

In Studien sei zwar nachgewiesen worden, dass Kinder mit zwei Elternteilen insgesamt größere emotionale und kognitive Kompetenzen hätten. Allerdings sei umstritten, ob der Kinderwunsch der Mutter dahinter zurücktreten müsse, sagte Birnbacher. „Der Wunsch nach Kindern ist ein natürliches, inniges Bedürfnis. Im vorliegenden Fall beweist die Mühe, die sich das Ehepaar und später die Mutter alleine gegeben hat, wie intensiv der Kinderwunsch ist. Ich würde in diesem Verfahren für die Frau entscheiden”, bezog der Experte eindeutig Stellung.

Zu der im Prozess diskutierten Frage, in welchem Stadium eine Befruchtung als abgeschlossen gilt, kritisierte Birnbacher die „künstliche Trennung zwischen Vorkern und Embryo”. Diese These sei unhaltbar. „Auch der Vorkern trägt bereits das Potenzial in sich, ein Mensch zu werden”, sagte Birnbacher.

Die ethischen Konsequenzen des Urteils könnten Auswirkungen auf viele Bereiche in Deutschland haben. So könnten deutsche Soldaten vor gefährlichen Kriseneinsätzen ihr Sperma einfrieren lassen, um auch im Falle ihres Todes ihre Nachkommen zu sichern. In anderen Ländern sei diese Praxis bereits üblich, so gebe es in den USA Samenbänke, die sich auf solche Fälle spezialisiert hätten, sagte Birnbacher.

„Sollte Deutschland künftig häufiger in kriegerische Auseinandersetzungen wie derzeit in Afghanistan verwickelt werden und auch Bundeswehrsoldaten verstärkt diesen Wunsch haben, müsste über eine Revision der Gesetze nachgedacht werden”, sagte Birnbacher.