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Berlin: Kinderspiele boomen als Trinkspiele

Berlin : Kinderspiele boomen als Trinkspiele

Der Student Raphael sitzt mit Freunden nach der letzten Vorlesung der Woche in einer Wohngemeinschaft in Münster zusammen. Am späten Abend wollen die Hochschüler nach der WG-Feier noch weiter in Richtung Kneipe ziehen. Um sich auf den Feierabend vorzubereiten, hat Gastgeber Raphael vorgesorgt: Er packt neben einer Flasche Schnaps ein Spiel aus, das eigentlich für Kinder entwickelt wurde: „Looping Louie”. Das Gedränge um das knallbunte Spiel mit dem kleinen Plastikkran ist riesig, der Alkohol schnell leer.

Diese Szene wird bundesweit in Unistädten wie Göttingen, Marburg oder Tübingen ihr Pendant finden. Ursprünglich für Kinder konzipierte Gesellschaftsspiele wie „Kroko Doc” oder „Plitsch-Platsch Pinguin” boomen unter Studenten - auch weil sie mit leichten Regeländerungen schnell zum Trinkspiel umfunktioniert werden können. Überall werden nun Hühnerfarmen gegen Bruchpilot „Looping Louie” verteidigt oder Plastik-Krokodilen Zähne gezogen.

„Die alten Kinderspiele haben in unserer Generation einen gewissen ironischen Kultstatus bekommen”, sagt die 20 Jahre alte Hochschülerin Malina Hasler. An der Uni Bremen studiert sie Angewandte Freizeitwissenschaft. Gemeinsam mit einigen Kommilitonen hat Hasler den studentischen Hang zu einfachen Kinderspielen unter die Lupe genommen. Hasler und ihre Mitstudenten sind sich sicher: Dinge, die man als Kind liebte, werden im Teenageralter „uncool” - als junger Erwachsener aber plötzlich wieder interessant. Dazu zählen Federmäppchen mit süßen Tieren oder Zeichentrickfilme von Disney - und eben Spiele, die man früher auf Kindergeburtstagen gespielt hat.

Die nostalgische Erinnerung an die Kindheit ist ein Grund für den Boom der Kinderspiele, sagen Spielehersteller. „Bei „Plitsch-Platsch Pinguin” zum Beispiel können Erwachsene wieder in die Rolle des Kindes schlüpfen”, sagt die Sprecherin von Ravensburger, Katrin Hanger. Der Geschäftsführer des „Spitz pass auf”-Herstellers Schmidt Spiele, Axel Kaldenhoven, sagt: „Auch ein wenig Nostalgie ist wohl dabei, wenn in der WG „Spitz pass auf!” auf den Tisch kommt.”

Jörg Mutz vom Pressebüro des Spieleherstellers Hasbro beobachtet den Trend zu Gesellschaftsspielen unter Studenten seit gut fünf Jahren - besonders bei „Looping Louie”, das zu den bestverkauften Produkten von Hasbro zählt. „Die Lust an „Looping Louie” wird anscheinend von Studentengeneration zu Studentengeneration weitergegeben”, sagt Mutz.

1994 wurde „Looping Louie” zum „Spiel des Jahres” in der Sonderkategorie „Kinderspiel” gekürt, heute zählt es zum Inventar jedes gut sortierten WG-Haushalts. Das Spiel fußt auf einer einfachen Grundidee: Bruchpilot Louie gefährdet mit einem batteriebetriebenen Flugzeug die Hühnerfarmen der Mitspieler, die den Flieger mit einer Wippe abwehren müssen. Geht das schief, räumt Louie ein Hühnchen ab. Wer kein Geflügel mehr hat, verliert - und muss auf Studentenfeiern ein Straf-Schnäpschen trinken. Die Fangemeinde von „Looping Louie” baut mittlerweile mehrere Spiele zusammen, um mit mehr als vier Spielern loslegen zu können.

Neben einer simplen Spielidee und schnellem Tempo eint die Spiele vor allem eines, sagt Studentin Hasler: Sie eignen sich durch ihre leicht abwandelbaren Regeln hervorragend als Trinkspiele. So können sie leicht erklärt und im angetrunkenen Zustand nicht vergessen werden - genau das richtige Maß an Herausforderung für Feiern unter Alkoholeinfluss also. Und noch etwas begründe den Erfolg dieser Spiele, sagt Hasler: „Junge Menschen sind heute nicht mehr bereit, viel Geld in Clubs auszugeben. Sie wollen aber auch nicht auf ihre Trunkenheit verzichten.”

„Looping Louie” hat auf WG-Feiern mittlerweile heftige Konkurrenz bekommen. Medizinstudenten spielen „Doktor Bibber”, andere Hochschüler lieben Klassiker wie „Spitz pass auf”, ganz Gewiefte malen auf einzelne Steine des Holzturm-Klassikers „Jenga” Trinkanweisungen wie „Linker Nachbar muss trinken”.

Ein rein deutscher Trend ist die studentische Liebe zum Kinderspiel nicht. „Was wir in Deutschland mit „Looping Louie” haben, ist in England das Spiel „Bop It””, erzählt Jörg Mutz vom Hasbro-Pressebüro. Je nach Anweisung des Spielgerätes muss an Knöpfen gezogen, gedrückt und gedreht werden. Beim Vortrinken am Freitagabend gilt dann: Wer zu spät reagiert, der trinkt.

(dpa)