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Köln/Dortmund: Kampf dem Einrosten: Wenn Senioren plötzlich Gewichte stemmen

Köln/Dortmund : Kampf dem Einrosten: Wenn Senioren plötzlich Gewichte stemmen

Mittwochabend, kurz vor 18 Uhr im Dortmunder Norden: Barfuss und mit einem schlichten Karateanzug bekleidet, betritt Karola Haase die Turnhalle der Anne-Frank- Gesamtschule. Mit einer tiefen Verbeugung, dem traditionellen Ritsu Rei, erweist sie zunächst dem Übungsraum ihren Respekt, bevor nach und nach die anderen Schüler des „Karate Dojo Dortmund” und der Sensei - ihr Trainer - erscheinen.

Obwohl Karola Haase seit bereits 14 Jahren äußerst erfolgreich Karate betreibt, erst kürzlich hat sie erneut eine Meisterprüfung bestanden, gehört sie mit ihren 68 Jahren zumindest in Deutschland zu einer weitgehend unbekannten Gruppe von Karateschülern: Den Jukuren.

Der japanische Begriff „Jukuren” bedeutet zu Deutsch so viel wie „Erfahrene” und bezeichnet all jene Sportler, die sich auch im fortgeschrittenen Alter ab 50 Jahren der japanischen Kampfkunst widmen. Sportler wie Karola Haase, die mit Karate auch dem Einrosten den Kampf angesagt haben. Gehörte die rüstige Seniorin 1994 mit ihrer Entscheidung noch zu einer exotischen Minderheit, so liegt sie mit ihrem Hobby heutzutage voll im Trend. Immer mehr „erfahrene” Deutsche finden sich zwischen Flensburg und dem Bodensee zu Jukuren-Gruppen zusammen.

„In Japan ist Karate für Ältere nichts Besonderes mehr”, erklärt Elisabeth Bork, die Verantwortliche für den Jukuren-Bereich im nordrhein-westfälischen Karate-Dachverband (KDNW). „Jeder gesunde Mensch kann Karate machen. Egal in welchem Alter. Genau wie bei allen anderen Sportarten ist es nur wichtig, dass das Training gesundheitsorientiert ist und an die körperlichen Möglichkeiten der einzelnen Jukuren angepasst wird.”

In der Tat ist die Sportart Karate keineswegs das einzige Betätigungsfeld, welches die Generation „50 plus” in den vergangenen Jahren für sich (wieder) entdeckt hat. Auch weniger exotische Disziplinen wie Radfahren, Reiten, Krafttraining oder Schwimmen erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Und so verwundert es nicht, dass immer mehr Verbände und Vereine spezielle Sportgruppen für Senioren anbieten und der demografischen Entwicklung schon heute Rechnung tragen. Denn nur wenn die Trainer entsprechend geschult sind, ist das neue Hobby auch gut für die Gesundheit.

Auch für viele Schüler bedeutet die Entscheidung für den Sport zugleich auch eine Entscheidung zum Lernen. Denn während Radfahren oder Reiten für Kids eine Selbstverständlichkeit ist, haben es viele Vertreter der älteren Semester nie gelernt. Fehlende Praxis nach vielen Jahrzehnten fernab des Fahrradsattels, mehr Freizeit als Rentner oder auch der plötzliche Wunsch, mit den Enkeln mitradeln zu können, sind häufig genannte Motivationsgründe, wenn sich Senioren (zurück) an den Lenker trauen.

Was für „erfahrene” Schüler auf dem Fahrradsattel gilt, gilt auch für all jene Senioren, die das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde suchen. „In vielen Vereinen ist ein massives Interesse von älteren Neu- und Wiedereinsteigern deutlich spürbar”, bestätigt Annette von Hartmann von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) den Trend. „Der Reitsport ist in unserer Gesellschaft als gesundheitsfördernde Maßnahme fest etabliert. Der Umgang mit Pferden, egal ob im Sattel, bei Kutschfahrten oder vom Boden aus, verhilft Menschen zu einem aktiveren Leben, mehr Fitness und positiven Verhaltensänderungen.”

Egal ob auf dem Rücken eines Pferdes, im Fahrradsattel, in der Badehose, im Kraftraum oder im Karate-Dojo - alle sportlichen Senioren genießen die positiven Verhaltensänderungen, die der Sport mit sich bringt, wie auch Karola Haase bestätigt: „Karate hat mein Leben verändert. Ich bin nicht nur körperlich fitter, sondern auch ausgeglichener und genieße die innere Ruhe, die ich seitdem besitze.