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Berlin/Köln: Homosexuelle Senioren sehnen sich nach Orten der Toleranz

Berlin/Köln : Homosexuelle Senioren sehnen sich nach Orten der Toleranz

Die meisten Homosexuellen stehen heutzutage selbstbewusst zu ihrer Identität. Doch über Jahrzehnte mussten Lesben und Schwule ihre Sexualität aus Angst vor Diskriminierung und Verfolgung verheimlichen.

„Diejenigen, die heute in einem höheren Alter sind, waren oft ihr Leben lang Opfer von Stigmatisierung”, sagt Carolina Brauckmann vom Rubicon Beratungszentrum für Lesben und Schwule in Köln. Sie seien daher auch heute immer noch darauf bedacht, ihre Homosexualität nicht offen zu zeigen.

Bei normalen Seniorenveranstaltungen fühlten sich ältere Lesben und Schwule daher oft nicht richtig wohl. Denn beim Plausch über Enkelkinder und verstorbene Ehegatten werden heterosexuelle Lebensweisen oft als selbstverständlich vorausgesetzt.

„Den homosexuellen Senioren fehlen die Orte, an denen sie selbstverständlich lesbisch oder schwul sein können, weil sie unter Ihresgleichen sind”, sagt Brauckmann. Dieses Heimatgefühl vermissten viele. Doch auch in der lesbisch-schwulen Szene finden Senioren oft keinen Anschluss mehr.

Besonders Schwule fühlten sich in der von Jugendlichkeit geprägten Szene deplatziert, sagt Brauckmann. „Entweder werden die Älteren dort nicht wahrgenommen, oder man lässt sie sogar gar nicht mehr in die Einrichtungen hinein”, berichtet auch Marco Pulver, Leiter des Berliner Projekts „Netzwerk Anders Altern”, einem Angebot für schwule und bisexuelle Senioren. Die Gefahr, dass Betroffene sich aufgrund dieser Situation zurückziehen und vereinsamen, sei sehr groß.

Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt Marco Pulver älteren Homosexuellen, sich Gruppen mit Gleichgesinnten zu suchen. „In den meisten größeren Städten bieten die Lesben- und Schwulenberatungsstellen oder auch die Aidshilfen Freizeitgruppen für Ältere an”, sagt Pulver. In solchen Seniorengruppen hätten Betroffene auch die Chance, doch noch einen offenen, freieren Umgang mit ihrer Sexualität zu erlernen. Auch ein spätes Coming-out sei durchaus üblich.

„Unsere Coming-out-Gruppen sind immer auch für Ältere offen”, betont Pulver. Neben den lesbisch-schwulen Seniorentreffs gibt es in manchen Städten auch Gruppen junger Homosexueller, die Patenschaften für lesbische oder schwule Senioren übernehmen.

Wer in seiner näheren Umgebung keine solchen Gruppen finde, könne für die Suche nach Gleichgesinnten auch das Internet nutzen. „In Online-Kontaktbörsen für Lesben und Schwule kann man oft Gleichaltrige aus der Region treffen”, sagt Pulver. Ob man auf der Suche nach reinen Freundschaften sei oder sich eine Partnerschaft wünsche - das Internet biete für Lesben und Schwule gute Möglichkeiten, ein Netzwerk aufzubauen.

„Auch das Thema Wohnen im Alter ist für Homosexuelle oft ein zentrales Problem”, berichtet Marco Pulver. Neben den Sorgen, die sie mit ihren heterosexuellen Altersgenossen teilten, hätten Lesben und Schwule häufig auch Angst, in der Pflegesituation Opfer von Ausgrenzung zu werden.

„Tatsächlich kommt es vor, dass schwule Männer in Pflegeeinrichtungen sowohl von den anderen Heimbewohnern als auch vom Pflegepersonal diskriminiert werden.” Trotz aller Bemühungen, die Pflegenden zu schulen, bestünden oft noch viele Ängste und Vorurteile. Pulver empfiehlt daher, sich schon früh nach Pflegeeinrichtungen umzusehen, die auf homosexuelle Lebenswelten eingestellt sind.

„Leider gibt es bislang noch kein Gütesiegel für Pflegeeinrichtungen, die besonders auf die Betreuung Homosexueller spezialisiert sind”, sagt Carolina Brauckmann. Um sich über die Ausrichtung eines Heims zu informieren, könne man entweder direkt bei der Heimleitung nachfragen oder bei Beratungsstellen für Lesben und Schwule anrufen.

Wenn das Kulturangebot in der Einrichtung auch die Interessen von Lesben und Schwulen widerspiegle, beispielsweise durch Kinoabende mit lesbisch-schwulen Filmen, sei das ein Zeichen dafür, dass man dort die Lebensgestaltung von Minderheiten ernst nimmt.