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Essen/Bonn: Gruppenreise zum Unterricht: Der Schulweg mit Bus und Bahn

Essen/Bonn : Gruppenreise zum Unterricht: Der Schulweg mit Bus und Bahn

Wie kommt mein Kind sicher zur Schule? Diese Frage stellen sich viele Eltern spätestens nach der Grundschule, wenn der Weg zum Unterricht plötzlich weiter ist, sich nicht mehr zu Fuß oder mit dem Rad bewältigen lässt und auch kein Schulbus fährt.

Dann sind die meisten Kinder auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. „Wir wissen, dass etwa zwei von fünf Schulkindern ab der fünften Klasse in Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren”, sagt Maria Limbourg, Professorin für Verkehrspädagogik an der Universität Duisburg-Essen.

In diesem Alter sollten die meisten Kinder eigentlich in der Lage sein, den Weg mit Bus und Bahn alleine zu bewältigen. Feste Regeln gebe es dafür aber nicht, erklärt Limbourg: „Das hängt immer vom einzelnen Kind und der Strecke ab.” Einfache Busfahrten mit kurzen Wegen könnten schon Grundschulkinder bewältigen. Reisen durch die Großstadt mit mehrfachem Umsteigen werden dagegen auch für Ältere zur Herausforderung. Limbourg empfiehlt Eltern deshalb, die ersten Tage noch mitzufahren. „Sprechen Sie ruhig auch andere Eltern an”, sagt sie. „Vielleicht finden sich ja noch weitere Kinder, die ähnliche Wege haben.” In der Gruppe sei für die Kinder vieles leichter.

Auch Andreas Bergmeier vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) rät zur Gruppenbildung - darauf verlassen sollten sich Eltern aber nicht: „Das wichtigste ist, dass das Kind den Weg im Zweifelsfall auch alleine schafft”, sagt er. Das ist nicht nur für Mama und Papa beruhigend, sondern verschafft Schülern auch mehr Selbstsicherheit. „Gerade beim Start auf einer neuen Schule kann es eine große Erleichterung sein, wenn der Weg dahin keine große Hürde darstellt”, erläutert Bergmeier. Auch erfahrene Bahnfahrer unter den Schulkindern sollten auf jeden Fall ein Handy dabeihaben und wissen, wie sie ihre Eltern im Notfall erreichen können.

Zur Selbstsicherheit gehört auch die Fähigkeit, mit unvorhersehbaren Situationen umgehen zu können. Eltern sollten ihren Nachwuchs deshalb nicht nur auf den Schulweg, sondern auch auf Ausnahmefälle vorbereiten. Was ist zum Beispiel zu tun, wenn der Bus nicht kommt oder ein Anschluss verpasst wird? „Fahren Sie beim Üben des Schulwegs ruhig auch mal eine Station weiter als nötig”, rät Bergmeier. „Dann kann ein Kind besser damit umgehen, Haltestellen zu verpassen oder nicht rechtzeitig aus dem Bus zu kommen.”

Besonders in größeren Städten mit komplexen Verkehrsnetzen ist ein solches Notfalltraining wichtig. Denn wenn zum Beispiel an einer Straßenbahnhaltestelle gleich mehrere verschiedene Linien abfahren, steigen auch Erwachsene und erfahrene Pendler schnell mal in die falsche Bahn. Die Nahverkehrsunternehmen in vielen Ballungsräumen bieten deshalb Sicherheitstrainings oder sogenannte Busschulen für Schüler an. Dabei geht es nicht nur um Sicherheitsfragen, wie das richtige Verhalten beim Einsteigen oder die Eigensicherung im Bus, sondern um den Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln generell.

„Wir bieten den Kindern eine Gebrauchsanweisung für unsere Bahnen und Busse”, erklärt Klaus Wazlak von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), die zu den Anbietern solcher Trainings gehören. Konkret wird den Kindern etwa auch erklärt, was genau beim Druck auf den „Halt”-Knopf im Bus passiert. „Wir wollen Hemmschwellen abbauen”, sagt Wazlak. Ein Vorteil auch für die Eltern: Wenn Kinder selbstständig unterwegs sind, müssen Mama und Papa nicht Taxifahrer spielen.

Den größten Teil des BVG-Trainings macht aber der Faktor Sicherheit aus. Mit Hilfe der Holzpuppe „Paulchen” werden dabei zum Beispiel die fatalen Folgen von Drängeleien an der Bordsteinkante demonstriert. Drastisch, aber nötig: „Der Großteil der Unfälle mit Schulkindern passiert im Haltestellenbereich”, erklärt der DVR-Experte Bergmeier. Und zwar nicht nur bei der Einfahrt des Busses: Gerade an kleinen Haltestellen an Landstraßen können auch unachtsame und zu schnelle Autofahrer zur tödlichen Gefahr werden.

Viel seltener kommt es in Bussen und Bahnen zu Unfällen, erklärt Andreas Bergmeier - und meistens handele es sich dabei nicht um Verkehrsunfälle. „Da sind oft Raufereien im Spiel.” Gefährlicher sei „das Unverwundbarkeitsgefühl der Jugend”, wie es Verkehrspädagogin Limbourg nennt: „Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren können brenzlige Situationen zwar schon ganz gut einschätzen. Die Folgen sind vielen aber nicht klar.” Deshalb gebe es immer wieder gefährliche „Mutproben”, bei denen Kinder vor einem einfahrenden Zug über die Schienen laufen oder an Bahnwagen hochklettern.

Hier müssten Eltern und Schule gemeinsam Aufklärungsarbeit leisten, sagt Limbourg: „Jugendliche müssen sich über die Risiken ihres Handelns im Klaren sein.” Fest steht aber: Trotz aller potenziellen Gefahren sind Kinder in öffentlichen Verkehrsmitteln sicherer unterwegs als ihre Altersgenossen auf dem Fahrrad.