Berlin/Fürth: Einzelkinder sehen Ankunft eines Geschwisterchens nicht nur mit Freude

Berlin/Fürth: Einzelkinder sehen Ankunft eines Geschwisterchens nicht nur mit Freude

Das zweite Kind ist unterwegs - jetzt geht es richtig rund im Familienleben. Denn für einen Menschen steht die radikalste Veränderung seines Lebens an: Das bisherige Einzelkind.

Zeit, Platz und die Aufmerksamkeit der Eltern muss das Kind nun teilen. Jetzt sind Mutter und Vater gefragt, möglichen Frust in Vorfreude zu verwandeln.

„Wenn ein neues Kind geboren wird, ist das für das ältere die gravierendste Veränderung überhaupt”, sagt Andreas Engel, Psychologe und Vizevorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Logisch, dass Kinder der Geburt ihres ersten Geschwisterkindes mit gemischten Gefühlen entgegensehen, meint auch Professor Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind. „Geschwister haben sich nicht ausgesucht, sie werden einander vorgesetzt.”

Für viele Eltern mag mit der zweiten Schwangerschaft das Glück perfekt sein - doch sollten sie von ihrem Kind nicht nur Jubel erwarten, sagen beide Experten. „Wenn Eltern andere Gefühle nicht zulassen, ist das für das Kind sehr belastend”, sagt Maywald. Auch auf Desinteresse, Ablehnung oder gar Hassgefühle gegenüber dem Geschwisterkind sollten sich Vater und Mutter gefasst machen. „Das Baby soll zurück in den Bauch” - laut Maywald ist das eine durchaus typische Reaktion von älteren Geschwistern. „Das Kind merkt, dass es nicht mehr die einzige Person ist, die die Aufmerksamkeit bekommt. Es muss teilen - das hat auch einen Verlustaspekt”, erläutert Engel. Die Geburt eines Geschwisterkindes vorwiegend als negatives Erlebnis oder „Entthronung” des Kindes zu deuten, gelte jedoch in der heutigen Wissenschaft als zu einseitig, sagt Maywald. Die meisten Erstgeborenen freuten sich auch auf einen kleinen Schützling, den neuen Spielgefährten, die Verstärkung gegenüber den Erwachsenen.

Das Kind in die Vorbereitungen einbeziehen

Eltern können viel dafür tun, ihr Kind positiv einzustimmen. „Der Schlüssel ist die Teilhabe des Kindes an den Vorbereitungen, das Baby willkommen zu heißen”, sagt Maywald. „Kinder fühlen sich viel besser, wenn sie etwas tun können, als wenn sie das Geschehen nur passiv mitbekommen und gewissermaßen erdulden müssen.” Zum einen sei es für ein Kind spannend zu erleben, wie das Baby im Bauch der Mutter wächst und sich bewegt, sagt Engel. „Man kann das Kind auch mitnehmen zur Ultraschalluntersuchung, wo es die Herztöne des Babys abhorchen kann”, rät er. Eltern und Kind könnten sich ausmalen, wie das Baby wohl aussehen wird. „Das Kind kann auch das Zimmer des Neugeborenen mitgestalten - man kann gemeinsam überlegen, wo das Bettchen stehen soll oder welche Sachen das Baby brauchen wird”, sagt Maywald. „So entsteht Verantwortung und Fürsorge - das unterstützt ein positives Geschwisterverhältnis.”

Dass die Familie ein Baby erwartet, sollten die Eltern ihrem Kind gleich von Anfang an erzählen, sagen beide Experten - vorausgesetzt, die Eltern haben sich bewusst für die Geburt entschieden. Die monatelange Wartezeit sei für Kinder zwar schwer zu erdulden, aber auch ein schöner Anlass, über Schwangerschaft und Geburt zu sprechen und ein Zeitgefühl zu vermitteln. Als ein Mitglied des engsten Familienkreises habe das Kind das Recht, die Neuigkeit direkt und persönlich von den Eltern zu erfahren, meint Maywald. „Wenn es etwa von der Oma davon erfährt oder von einer Nachbarin, kann es sein, dass es zurecht enttäuscht ist und sich zurückgesetzt fühlt.” Dabei sollten Eltern aber auch bedenken: Das Kind wird nicht dichthalten. Großeltern sollten gleich mit eingeweiht werden.

Wenn Große wieder klein sein wollen

Ist das Baby einmal da, beginnt eine turbulente Phase. Dennoch sollten Vater und Mutter bewusst Zeit für das ältere Kind einplanen, sagen die Experten. Wenn die Mutter stillt, ist das nicht immer leicht. Aber auch das lässt sich vorbereiten, rät Maywald: „Eine schöne Idee ist es, Kinder eine Still-Box mit attraktiven Spielsachen zusammenstellen zu lassen. So kann sich das Kind in seiner eigenen Welt beschäftigen, wenn die Mutter stillt. Neid und Eifersucht werden so ein bisschen in Schach gehalten.”

Einige Kinder reagieren den Experten zufolge auch mit scheinbaren Entwicklungsrückschritten - etwa indem sie wieder einnässen. Problematisch ist das laut Maywald nur, wenn es andauert. Dann sei professionelle Hilfe gefragt. Engel rät Eltern, offen zu reagieren, wenn Kinder in dieser Zeit wieder klein sein wollen. Sie könnten etwa das ältere Kind fragen, ob es auch gewickelt werden will. „So stellen sie Identifikation mit dem Baby her”, sagt er. Ausschließen ließen sich Eifersucht oder Rivalität zwischen Geschwistern jedoch nie. „Das gehört auch zu unserer Grundausstattung”, sagt Engel.