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Stuttgart: Ein bisschen Spaß muss sein: Kinder mit Lernspielen nicht überfordern

Stuttgart : Ein bisschen Spaß muss sein: Kinder mit Lernspielen nicht überfordern

Ein Spielzeug ist nicht nur zum Spielen da. Es soll auch lehrreich sein. So denken viele Eltern, wie eine Studie der Gesellschaft für angewandte Sozialforschung aus dem Jahr 2008 ergeben hat. Die meisten Eltern (83 Prozent) schauen demnach bei der Auswahl von Spielzeug darauf, ob es die Kleinen fördert und bildet.

Darauf haben die Hersteller längst reagiert: Immer mehr Spiele werben damit, dass sie Kinder fördern. Bei einigen Herstellern heißen sie „Lernspiele”, bei anderen „Spielschule”. Die große Auswahl macht viele Eltern ratlos. Und längst nicht alle Pädagogen sind begeistert von den spielerischen Lernhilfen.

Auftrieb haben solche Spiele durch die ernüchternden Ergebnisse der Pisa-Studien erhalten: Dem Nachwuchs fehlt es an schulischen Grundfertigkeiten. Beim Lesen haben viele Probleme, den Sinn der Wörter zu erfassen. Politiker, Pädagogen und Eltern waren alarmiert.

„Mehr denn je fühlen sich die Eltern für das Lernen und Wissen ihrer Kinder verantwortlich”, hat Jutta Wenske beobachtet. „Wissensvermittlung ist nicht mehr der Schule und den Pädagogen vorbehalten”, sagt die Programmleiterin für Kinderspiele im Kosmos-Verlag in Stuttgart.

Die Spielzeughersteller haben reagiert und den Mehrwert Wissen als Verkaufsargument entdeckt. „Sie nutzen die Unsicherheit der Eltern aus und bieten etwas an, was die vermeintliche Lücke schließt”, sagt Ingetraud Palm-Walter. Sie ist Vorstand im gemeinnützigen Verein „spiel gut” in Ulm, der Spielsachen begutachtet. Manches Brett- oder Gesellschaftsspiel, das es schon lange gibt, werde heute mit dem Etikett „Lernspiel” versehen.

Daneben gibt es eine neue Linie: Lernspiele, die gezielt auf Wissen setzen, das Kinder in der Schule benötigen. „Beliebte Lernspielthemen sind Formen und Farben, Zahlen und Mengen, Laute und Buchstaben”, fasst Wenske zusammen. Die Liste der Dinge, die diese Spiele fördern, ist lang: Der „Rechenkönig” von Haba soll das Zählen und Rechnen bei Kindern ab fünf Jahren fördern. Mit der „frechen Sprech-Hexe” von Ravensburger sollen Vierjährige „genaues Hören und Sprechen” lernen und ein besseres Sprachgefühl bekommen.

„Kasse-Gasse” von IQ-Spiele ist dafür gedacht, Kindern ab Klasse eins dabei zu helfen, Laute richtig zu unterscheiden. „Super Mighty Mind” von Piatnik verspricht Lernspaß ab fünf Jahren: Kinder müssen bunte Bausteine passend zusammenlegen - das „macht superklug”, wirbt der Hersteller.

So ein Spiel kann ein wichtiges Förderinstrument sein. „Wenn in der Kita oder später im Hort Entwicklungsrückstände erkennbar sind, kann man versuchen, diese durch spielerische Förderung auszugleichen. Dafür sind Lernspiele gut geeignet”, urteilt Ulrich Heimlich, Professor für Lernpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Dafür muss das Spiel allerdings genau auf die Defizite des Kindes ausgerichtet sein. Hinzu kommt: „Die Eltern oder Erzieher müssen wissen, wie sie das Spiel gezielt einsetzen.”

Einiges an den Lernspielen sehen Pädagogen und Spielforscher aber auch kritisch. „Wir beobachten mit Besorgnis, dass das Spiel der Kinder immer mehr gelenkt wird, sie konkrete Aufgaben erfüllen müssen und immer weniger Raum für freies Spiel haben”, erklärt Palm-Walter. Das hat negative Folgen, wie Lernpädagoge Heimlich erklärt: „Kinder brauchen Freiräume, um sich selbst etwas ausdenken und etwas erfinden zu können”, sagt er. „Kinder, die gut spielen und kreativ sein können, sind am besten auf die Schule vorbereitet.”

Außerdem wird ein Lernspiel schnell langweilig, wenn es dem Kind mehrmals gelungen ist, die gestellte Aufgabe zu lösen. Und das Gemeinschaftserlebnis steht oft eher im Hintergrund. Aus Sicht der beiden Experten ist es gar nicht nötig, bei der Wahl eines Spielzeugs auf den Förderbonus zu achten. Schließlich sei jedes Spiel ein Beitrag zur Entwicklung und zum Lernen. „Beim Spielen lernen Kinder ganz viel: Denken, Wahrnehmung, Gefühlsleben, soziales Miteinander. Und vor allen Dingen das Spielen”, fasst Heimlich zusammen.

Kosmos-Programmleiterin Wenske ergänzt: „Eltern sollten nie vergessen, dass ein Spiel Freude und Spaß verbreiten soll und nicht als Nachhilfeersatz konzipiert ist.” Ein Kind darf daher nicht zum Spielen gedrängt werden. „Wenn Kinder ihre Spiele mit Lernen gleichgesetzt sehen, werden sie nicht mehr lange gerne spielen”, warnt Palm-Walter.

Für die Eltern heißt das: Sie müssen fördern, ohne zu überfordern, Angebote machen, ohne etwas zu erzwingen. „Wenn ein Lernspiel im Regal steht und das Kind danach greift - prima”, sagt Heimlich. Aber es müsse immer Alternativen geben: zum Beispiel ein klassisches Brettspiel, das neben einem Lernspiel im Regal steht.

Was ist ein gutes Gesellschaftsspiel?

Der Verein „spiel gut” hat Qualitätskriterien für Gesellschaftsspiele zusammengetragen. „Die Hintergrundgeschichte muss zum logischen und für Kinder verständlichen Spielablauf passen”, sagt Ingetraud Palm-Walter. „Ein gutes Spiel lebt von einer Spannung, die man bis zum Schluss aushalten und mit deren Ergebnis man umgehen lernen muss, mit dem Verlieren wie auch dem Gewinnen.”