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Wien: Zum Anklicken lecker: Foodblogs machen Lust aufs Kochen

Wien : Zum Anklicken lecker: Foodblogs machen Lust aufs Kochen

Schon die Namen zergehen auf der Zunge: „Frau Saltimbocca-Lüdenscheidt”, „Home is where the Törtchen is” oder „Kamafoodra”. Dahinter steht das, was Genießer immer mehr begeistert: Foodblogs. „Ein Blog ist wie ein Tagebuch, bei dem man sich weltweit vernetzen und austauschen kann mit Menschen, die die gleichen Interessen haben”, erklärt Hanni Rützler, Trendforscherin im Bereich Food in Wien.

Vor etwa zehn Jahren begannen die ersten Blogger hierzulande, von ihren Erlebnissen rund um Essen, Trinken und Kochen zu berichten. „2008 wurden Fachblogs populär zu Themen wie Mode, Technik, Musik oder Food”, erinnert sich Stevan Paul, der den Foodblog „Nutriculinary” betreibt.

Paul ist gelernter Koch und arbeitet mittlerweile als Foodstylist, Kochbuchautor und Restauranttester. Manche Blogger kommen aus der Gastronomie, doch viele haben beruflich mit Essen und Trinken nichts zu tun. Eveline Exner von „Küchentanz” etwa betreibt mit ihrem Mann eine Softwarefirma, und als Chemie-Ingenieur war Robert Sprenger vom Genussblog „La mia cucina” vor seiner Pensionierung tätig.

„Es ist nicht Bedingung, dass man brillant kochen kann”, erklärt Ariane Bille. „Aber man beschäftigt sich viel mit Essen und Genuss.” Die 29-Jährige selbst rutschte in die Szene eher zufällig: Sie suchte ein Diplomthema zum Abschluss ihres Studiums des Kommunikationsdesigns - und fand es in ihrer Leidenschaft für Kulinarik. Sie gestaltete ein Lesekochbuch. Ihre Erfahrungen schrieb sie in ihrem Blog „Kulinarische Momentaufnahmen” auf. Den betreibt sie auch über den Abschluss hinaus und arbeitet heute als freie Grafikdesignerin, Foodfotografin und -bloggerin.

So vielfältig die Blogger sind, so bunt ist auch ihr Angebot: So ist der eine Veganer, der andere stellt Fleisch und Wurst in den Mittelpunkt, wieder andere konzentrieren sich auf Süßes, manch einer stellt überwiegend neue Rezepte vor. Auch Lebensmittelskandale, Ernährungstrends oder Werbelügen nehmen manche unter die Lupe.

„Ein Blog ist immer eine Mischung aus Geschichten und Personality”, erklärt Paul. „Es geht um einen spannenden oder kurzweiligen Inhalt und um die Person, die es aufschreibt.” Es gibt keine Vorgaben, keine Richtlinien - von wem auch? Ein Blog ist eine persönliche Seite.

Darauf können die Leser prompt mit Kommentaren reagieren, eigene Ideen vorstellen oder empfehlen. Der Blogger sollte die Kommentare nicht nur lesen, sondern auch beantworten. So entstehen Diskussionen und ein munterer Austausch. Auch finden sich Blogger und Follower - unter den Lesern sind oft auch andere Foodblogger - zu Blogevents zusammen: Der Gastgeber bestimmt ein Thema, zu dem alle anderen innerhalb einer festgelegten Zeit ein Gericht entwickeln. Darüber schreiben sie einen Beitrag im Blog, und am Ende bietet der Gastgeber eine Zusammenfassung. So entstehen immer wieder Anregungen und Inspiration.

Ein Blog ist schnell, frisch, dynamisch. „Daher sollte ein Blogger regelmäßig aktiv sein, damit er bei der Anhängerschaft nicht in Vergessenheit gerät”, empfiehlt Bille. Neuigkeiten kündigen die meisten Blogger über ihre Facebook- und Twitterseiten an, beides ergänze das Webtagebuch. Wer neu in der Szene ist, kann auf der Seite „Köstlich und Konsorten” stöbern, auf der deutschsprachige Foodblogs aufgelistet sind.

Für die Blogger ist es zeitaufwendig, Rezepte auszutüfteln, zu kochen, fotografieren und schreiben - meist als Hobby neben dem Beruf. Doch das heißt nicht, dass die meisten Blogs nicht inhaltlich fundiert wären. Gerade in den vergangenen Jahren haben sie sich laut Rützler professionalisiert: „Blogger müssen die Gastroszene einer Stadt kennen und neue Produkte oder Trends frühzeitig kennen.”

Es werde meist genau recherchiert, und das Know-how sei wichtig. Ebenso würden die Blogs sorgfältiger geschrieben und sich mehr Gedanken um die Foodfotografie gemacht, bestätigt Paul. „Dennoch bleibt ein Blog etwas Persönliches.”

„Die Blogs sind ein Symbol für die neue Macht der Konsumenten”, sagt Rützler. Daher würden Medien und Industrie auf Foodblogs aufmerksam. Einige Blogger bringen Kochbücher bei großen Verlagen heraus oder sind gefragt als Experten. „Das sind Zeichen, dass Blogs ernst genommen werden”, erklärt Paul.

Auch Lebensmittelkonzerne oder Hersteller von Küchenutensilien gehen auf die Blogger zu, um Kontakt zu der Community zu bekommen. Etwa über Produkttests, Gewinnspiele oder Werbebanner. Ein heikles Thema unter Bloggern, sehen manche doch die Unabhängigkeit gefährdet. „Es ist nicht verpönt, Werbung zu schalten”, findet Paul. Aber: „Wer seine Meinung kaufen lässt, wird nicht mehr gelesen, ebenso wenig wie jemand, der langweilt. Das Bloggen ist eine sehr demokratische Angelegenheit.” Auch für Bille spricht nichts gegen Werbung - unter der Bedingung: „Wenn man deutlich macht, dass man keine Presse- oder Werbetexte abschreibt.”

Rützler fügt hinzu, dass sich Blogger gut überlegen müssten, womit und mit wem sie eine Kooperation eingingen. Für sie ist Werbung auch eine Art der Professionalisierung: „Industrie und Medien erkennen, dass sich eine neue Szene auftut, die noch kein Finanzkonzept hat.” Dies sei auch eine Chance für die Blogger, sich immer wieder neu zu erfinden.

(dpa)