Die Pasta Grannies erorbern die Herzen der Briten: Die stillen Heldinnen der Küche

Die Pasta Grannies erorbern die Herzen der Briten : Die stillen Heldinnen der Küche

Die Rezepte im Blut und jahrzehntelange Erfahrung: Die besten Pasta stammt von italienischen Großmüttern. Die 60-jährige Britin Vicky Bennison hat sie aufgespürt und einen Youtube-Hit gelandet.

Seit 15 Jahren hat die Britin Vicky Bennison ein Haus in der italienischen Region Marken. Eines Abends war sie mit ihrer Familie bei Bekannten zum Essen eingeladen. Es gab handgemachte Pasta, hergestellt von der Großmutter der Gastgeber. Die alte Dame, die den ganzen Abend in der Küche stand und von dort die Gäste beglückt hatte, kam erst am Ende des Abends zum Vorschein. Bennison war fasziniert und schockiert zugleich. Der eigentliche Star des Abends, die Köchin, wäre beinahe hinter den Kulissen geblieben.

Es war der Start einer Erfolgsgeschichte. Seit fünf Jahren sucht die 60-jährige Britin italienische Großmütter, um sich von ihnen in die Geheimnisse selbstgemachter Pasta einweihen zu lassen. Das Video-Projekt ist zu Bennisons Vollzeitbeschäftigung geworden. Sie betreibt inzwischen einen erfolgreichen Youtube-Kanal mit 439.000 Abonnenten. Seit fünf Jahren erobern die Pasta Grannies die Herzen der Briten.

In der Nähe von Trapani auf Sizilien entdeckte Bennison ihre bisher älteste Pasta-Oma. „Ich bin Letizia und schon 100 Jahre alt“, erzählt die stolze Sizilianerin, die sich für den Termin sichtbar herausgeputzt hat. „Ich mache immer noch gerne Pasta per Hand, so wie es schon meine Großeltern gemacht haben“, sagt die Signora im Video-Clip. Und beginnt voller Elan mit der Zubereitung des Teiges für Taglierini, besonders dünne Tagliatelle, wie sie auf Sizilien üblich sind. Weil die Familie früher keine Lebensmittelwaage hatte, misst die standfeste Letizia heute noch die Zutaten per Hand. Zwei Hände Hartweizenmehl genügen für zwei Portionen, sie gießt lauwarmes Wasser dazu und beginnt energisch zu kneten.

Die 100 Jahre sieht man ihr nicht an. „Ich habe noch Kraft“, sagt Letizia. Nachdem sie den Teig eine Stunde hat ruhen lassen, rollt sie ihn auf und schneidet millimeterdünne Scheiben, die Taglierini. Aus wildem Fenchel, Zwiebeln und Saubohnen macht sie ein Püree, das mit Peperoncino garniert wird. „Es ist angerichtet“, sagt Letizia. „Bon appetitouu“, sagt Vicky Bennison im Video. Man möchte das kleine Wunder auf dem Teller sofort verschlingen – oder nachmachen.

Italien ist bekanntlich ein Nudel-Paradies. In den 20 Regionen werden die verschiedenen Pasta-Arten in einigen Familien wie selten Schätze bewahrt, doch viele Rezepte drohen in Vergessenheit zu geraten. Pizzocheri, Pici, Strapponi, Sagne, Cippolline, Trofie, Orecchiette, Tortelli, Ravioli, Canneloni, Anelini, Fettuccine. Diesen Reichtum kennen Experten vielleicht noch aus dem Feinkost-Laden. Die Pasta-Omas haben die Rezepte hingegen im Blut. Es fehlt allerdings an Erben, die die Traditionen weiterführen. Barilla, De Cecco und Co. sind vielleicht nicht die bessere, aber gewiss die bequemere Variante.

Die besten Nudeln stammen von italienischen Großmüttern. Foto: © Emma Lee

„Ich wollte die Erinnerung an die Rezepte festhalten“, sagt Bennison. „Aber vor allem war es mir ein Bedürfnis, die alten Frauen und ihre Weisheit zu feiern.“ Die Britin aus London überlegte zunächst, die Rezepte aufzuschreiben. Aber dann wurde ihr bewusst, dass der physische Aspekt des Herstellens handgemachter Pasta ein unwiderstehlicher Reiz ist. Sie griff zur Filmkamera, begann Großmütter und deren Rezepte zu suchen. Inzwischen hat sie mit Hilfe ihrer italienischen Freundin Livia de Giovanni bereits 270 Großmütter gefilmt und mit ihnen ihren Youtube-Kanal gefüttert. Die beiden Frauen suchen Großmütter im ganzen Land, treiben sich auf Jahrmärkten und Lebensmittel-Messen herum.

Seit Oktober ist zudem in Großbritannien ein Kochbuch mit dem Titel „Pasta Grannies: The Secrets of Italys Best Home Cooks“ (Pasta-Omas: Die Geheimnisse Italiens bester Haus-Köchinnen) auf dem Markt. Im Februar soll es auf Deutsch erscheinen. Erstaunlicherweise sprechen die ebenso appetitlichen wie unterhaltsamen Kurzfilme vor allem jüngere Menschen an. Die meisten Klicks kommen von 25- bis 35-Jährigen. Männer seien genauso interessiert wie Frauen, sagt Bennison. Die Erben gibt es also, es hakte allein an der Übermittlung der Rezepte.

So kann man nun etwa auch der 94 Jahre alten Ida aus dem Piemont bei der äußerst appetitlichen Zubereitung von Agnolotti al Plin zusehen. Die 97 Jahre alte Giuseppa Porcu aus Sardinien stellt verschmitzt Maccaroni de Unghia, sogenannte Fingernagel-Maccaroni her und muss sich zum Teig-Kneten auf einen kleinen Hocker stellen, um genügend Kraft zu haben. „Große Köche wurden doch fast immer von ihren Omas inspiriert“, sagt Vicky Bennison. Nur bekomme man die Personen, die die eigentliche Inspiration darstellten, nie wirklich zu sehen. Das hat sich mit den „Pasta Grannies“ nun geändert.

Wie gelingen Fingernagel-Maccaroni?  Die 97 Jahre alte Giuseppa Porcu aus Sardinien weiß es genau. Foto: © Emma Lee

Ob sie sich selbst auch Tricks von den vielen Nudel-Omas abgeguckt habe, fragt man Bennison schließlich noch. „Anfänger machen zu große Portionen und nehmen zu viel Sauce“, sagt die 60-Jährige. Die Großmütter seien auch ein Beispiel der Sparsamkeit und der Wahl der richtigen Menge. Der Teig müsse mindestens zehn Minuten geknetet werden und mindestens eine halbe Stunde zugedeckt ruhen. Aber eigentlich habe sie etwas ganz anderes von den Nudel-Omas gelernt, sagt Vicky Bennison: „Sie machen immer weiter und sind immer beschäftigt.“ Das sei das Geheimnis ihres Lebens.

Mehr zu den stillen Heldinnen der Küche auf pastagrannies.com

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