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München: Schornsteinfeger verbringen immer mehr Zeit im Büro

München : Schornsteinfeger verbringen immer mehr Zeit im Büro

Wer in Deutschland einen Schornsteinfeger auf dem Dach oder der Straße sieht, hat wirklich Glück: Denn die rund 20.000 Kaminkehrer verbringen inzwischen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit im Büro. Seit der Einführung der verpflichtenden Feuerstättenbescheide vor drei Jahren gehören Schreibarbeiten und Formulare genauso zum Beruf dazu wie der Kaminbesen und das Zuggewicht. „Die wachsende Bürokratie betrübt uns schon”, sagt Petra Ittlinger, die seit 30 Jahren Schornsteinfegerin in München ist und ihren Beruf eigentlich noch immer liebt.

Sie freut sich, wenn Menschen sie auf der Straße fragen, ob sie einmal ihre Kleidung anfassen dürfen - denn das soll ja bekanntlich Glück bringen. Schornsteinfeger-Figuren aus Marzipan sind in diesen Tagen wieder Verkaufsschlager im Supermarkt und beim Bäcker. Der Aberglaube stammt aus dem Mittelalter, als Häuser häufig Feuer fingen. Kaminkehrer schützten so das heimische Glück.

Inzwischen geht es den Menschen längst nicht nur ums traute Heim: „Manchmal kommt auch jemand auf mich zu und fragt, ob er an einem Knopf drehen darf - weil er gleich eine Prüfung schreibt”, erzählt Schornsteinfegerin Ittlinger lachend. Der Kontakt zu den Menschen ist für sie immer noch das Schönste an ihrem Beruf. Zwei Drittel ihrer Zeit, so schätzt sie, verbringt sie inzwischen jedoch am Schreibtisch. „Es ist nicht das, was man eigentlich wollte.”

Größter Zeitfresser ist der Feuerstättenbescheid, den die Bezirksschornsteinfeger für alle Gebäude in ihrem Gebiet ausstellen müssen. Er wurde eingeführt, als Anfang 2013 das langjährige Schornsteinfeger-Monopol fiel. Hausbesitzer können seitdem selbst entscheiden, wer ihnen aufs Dach steigt und Aufträge europaweit an freie Schornsteinfeger vergeben. Im Gegenzug müssen sie aber bestimmte Fristen für die Besuche einhalten und sicherstellen, dass die Heizanlage regelmäßig gewartet und auf ihre Sicherheit überprüft wird. Festgelegt sind diese Fristen im Feuerstättenbescheid, der zweimal innerhalb von sieben Jahren erstellt werden muss und mehrere Seiten Papier umfasst.

Tatsächlich haben aber nur die wenigsten Hausbesitzer ihren Schornsteinfeger gewechselt: Rund 95 Prozent sind ihrem Kaminkehrer auch nach dem Wegfall des Monopols treu geblieben, heißt es beim Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks. „Nur wenige mussten Federn lassen”, sagt Verbandssprecher Stephan Langer, der seit 36 Jahren in Hannover als Schornsteinfeger unterwegs ist.

Er weiß, worauf es ankommt, um die Kunden zu behalten: Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Freundlichkeit - und gute Laune. Denn die wird von Schornsteinfegern als dem Glücksbringer schlechthin einfach erwartet. „Lachen hilft”, heißt es auch im Knigge für Schornsteinfeger, der Berufsanfängern den Einstieg erleichtern soll. Bei der Suche nach Nachwuchs spielt deshalb die Persönlichkeit eine wichtige Rolle. „Wichtig sind die vier Ms”, sagt Langer. „Man muss Menschen mögen.” Denn immerhin müssen die Kunden die Schornsteinfeger in ihr Haus lassen und ihnen damit Vertrauen entgegenbringen.

Sorgen um den Nachwuchs muss sich die Branche derzeit nicht machen: In diesem Jahr begannen rund 2300 junge Leute eine Ausbildung zum Kaminkehrer und damit neun Prozent als im Jahr zuvor. Viele sind selbst in einer Schornsteinfeger-Familie groß geworden und können sich keine andere Arbeit vorstellen.

Wenn der Beruf wirklich Glück bringt, muss die Familie von Heinz Nether aus Nürnberg davon eine ganz besonders große Portion haben: Er selbst ist Landesinnungsmeister für Bayern und in seiner Familie wimmelt es geradezu von Schornsteinfegern. Nether, der seit 35 Jahren auf Nürnbergs Dächern unterwegs ist, freut das sehr. Seit dem Wegfall des Schornsteinfeger-Monopols macht ihm die Arbeit - trotz aller Bürokratie - sogar noch mehr Spaß als früher. Nur einer seiner Kunden ist seitdem abgesprungen, alle anderen sind freiwillig geblieben. „Das macht mich richtig stolz.” Auch er hat kein Problem damit, wenn ihm Passanten auf seinem Weg durch die Straßen an die Wäsche wollen und sich freuen, ihn zu sehen. „Das ist ein echtes Glücksgefühl.”

(dpa)