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Hamburg: Eine heikle Beziehung: Mit Kollegen befreundet sein

Hamburg : Eine heikle Beziehung: Mit Kollegen befreundet sein

Sie kennen die Marotten vom Chef oder die Probleme mit den Kunden: Mit Kollegen kann man sich gut austauschen. Manche Arbeitnehmer verabreden sich deshalb auch nach Feierabend. Doch kann so eine Bürofreundschaft gutgehen? Wie viel Privatleben dürfen Mitarbeiter im Job preisgeben?

Freundschaften am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. Rund jeder dritte Berufstätige (39 Prozent) trifft sich auch privat mit Kollegen. Das hat eine Umfrage des Marktforschungsinstituts BVA im Auftrag einer Personalberatung ergeben. Wer sich mit den Kollegen gut versteht, geht in der Regel gern zur Arbeit.

Doch Freundschaften im Job können Mitarbeitern auch Probleme bereiten. Lassen sie sich darauf ein, gilt es einiges zu beachten.

Gerade am Beginn einer Freundschaft sollten Berufstätige ihren Kollegen nicht zu viel von sich erzählen, rät die Karriereberaterin Madeleine Leitner aus München. Hobbys, Kinder oder der letzte „Tatort” seien gute Themen. Dadurch entsteht ihnen kein Nachteil, wenn der Kollege plötzlich zum Konkurrenten wird.

Das kann etwa der Fall sein, wenn sich beide auf die gleiche Stelle im Unternehmen bewerben. Schnell kann es dann Eifersüchteleien und Neid geben. Länger noch als bei anderen Freundschaften prüfen Beschäftigte deshalb am besten, ob sie dem anderen trauen können.

Auch nachdem sich Mitarbeiter besser kennen, sollten sie sich nicht alles erzählen. „Sind Sie mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, behalten Sie es für sich”, empfiehlt der Psychologe Manuel Tusch aus Köln. Auch ernsthafte Krankheiten, Erbstreitigkeiten in der Familie oder vertrauliche Gespräche mit dem Chef gingen befreundete Kollegen nichts an.

Mitarbeiter dürften sich nicht erpressbar machen. Kommt es am Arbeitsplatz zu Konflikten, können sie sonst im Zweifelsfall nicht frei entscheiden, da sie der Kollege unter Druck setzt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Bürofreundschaft grundlegend von anderen freundschaftlichen Beziehungen.

Trotz Freundschaften im Büro sollten Angestellte außerdem mit allen Kollegen im Team im Gespräch bleiben, rät der Karriereberater Henryk Lüderitz aus Düsseldorf. Nicht immer ist es so wie bei Alexander Gravis, dass Beschäftigte mit allen Mitarbeitern befreundet sind. Oft verstehen sich nur zwei oder drei Kollegen besonders gut und kapseln sich vom Rest des Teams ab.

Das hat negative Auswirkungen auf das Betriebsklima. Zumindest einen kurzen Plausch an der Kaffeemaschine sollten Mitarbeiter mit jedem halten. „So zeigt man Interesse und bewahrt sich davor, auf Abstand zu gehen”, erklärt Lüderitz. Mitarbeiter können nach einer arbeitsreichen Woche einfach mal den Test machen und notieren, mit wie vielen Kollegen sie im Gespräch waren. Das zeigt häufig sehr schnell, ob Beschäftigte nur noch mit befreundeten Kollegen unter sich bleiben.

Zur Feuerprobe kommt es bei Bürofreundschaften immer, wenn es im Job Konflikte gibt. Das kann etwa sein, dass es Probleme mit dem Vorgesetzten gibt oder es zu Kündigungen kommt. In so einer Situation sollten Berufstätige Job und Freundschaft strikt trennen und versuchen, professionell zu bleiben. Gibt zum Beispiel der Chef Mitarbeitern vertrauliche Informationen, dürfen sie diese ihrem Bürofreund auch dann nicht weitererzählen, wenn der Freund davon profitiert.

Kommt es zum Extremfall und einer von beiden muss gehen, muss das nicht zwangsläufig das Ende der Beziehung bedeuten. „Man sollte sich privat treffen, aber nicht unbedingt über den Job reden”, empfiehlt Lüderitz. Ihr Bedauern dürften Beschäftigte ausdrücken. So könnten sie sagen: „Du hast hier einen guten Job gemacht. Ich finde es unfair, dass Du gehen musst.”

Allerdings müsse es eine Freundschaft auch aushalten, wenn das nicht der Fall ist. Habe der Gekündigte Fehler bei der Arbeit gemacht, dürfe das auch angesprochen werden. Dabei gelte es allerdings, den passenden Moment abzuwarten und den Freund erst zu fragen, ob er offen ist für eine ehrliche Meinung.

Einen Fehler sollten Mitarbeiter nicht machen: Selbst wenn sie sich mit ihren Kollegen gut verstehen, vernachlässigen sie alte Freundschaften am besten nicht. Das sei wichtig, um neue Denkanstöße zu bekommen und wegen des Freunds nicht immer automatisch an die Arbeit erinnert zu werden, sagt Tusch. Stellt sich heraus, dass der Bürokumpel doch kein echter Freund ist, können Mitarbeiter außerdem auf diesen Freundeskreis zurückgreifen.

Für Alexander Graves ist es bislang noch nicht zum Problem geworden, dass er mit seinen Arbeitskollegen befreundet ist. Im Gegenteil: Er schätzt, wie zuverlässig die Zusammenarbeit mit seinen Freunden klappt. Nur eins sei gelegentlich nervig. Manchmal falle es seinen Kollegen und ihm schwer, nicht über den Job zu reden. „Deshalb zwingen wir uns, in der Mittagspause und nach Dienstschluss auch mal andere Themen anzusprechen.”

(dpa)