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Berlin: Als Erster aus der Familie an die Uni: Wo es Unterstützung gibt

Berlin : Als Erster aus der Familie an die Uni: Wo es Unterstützung gibt

In Deutschland sollte jeder werden können, was er will. In der Theorie mag das stimmen - doch die Praxis sieht oft anders aus. Abiturienten, deren Eltern keine Akademiker sind, gehen deutlich seltener an die Hochschule als jene, die studierte Eltern haben.

„Von 100 Akademikerkindern studieren 77, von 100 Nicht-Akademikerkindern 23”, sagt Stefan Grob, Sprecher des deutschen Studentenwerks in Berlin.

Der Unterschied hat zahlreiche Gründe: „Geld ist eine Hürde, aber auch das Selbstbewusstsein”, zählt Grob auf. Arbeiter- und Angestellten-Kinder hätten nicht selten Angst, dass sie das Studium nicht schaffen. „Sie können auf keinerlei Erfahrungswissen aus der Familie zurückgreifen”, erläutert Grob. Die Eltern können ihnen etwa nicht erklären, was im ersten Semester auf sie zukommt.

Auch Katja Urbatsch hat diese Erfahrung gemacht. Ihr älterer Bruder und sie waren die Ersten aus der Familie, die studieren wollten. Zwar standen die Eltern dem Wunsch der Kinder nicht ablehnend gegenüber. Doch im Familien- und Bekanntenkreis wurde der Sinn eines Studiums häufig infrage gestellt.

„Die Kinder schlagen einen anderen Weg ein als die Eltern, das ist ganz normal”, sagt Urbatsch. Sobald sie sich aber aus dem Erfahrungshorizont der Eltern entfernen, kann es für beide Seiten schwierig werden. „Es gibt eine Menge Unsicherheiten, die manchmal sogar mit dem Bruch mit der Familie enden.”

Während ihr Bruder Betriebswirtschaftslehre (BWL) studierte, entschied sich Urbatsch für Nordamerikastudien in Berlin. „Als Nebenfächer belegte ich BWL und Publizistik - um etwas Handfestes studiert zu haben”, erzählt sie. Nach ihrem Studium heuerte sie allerdings nicht in der Wirtschaft an. Urbatsch gründete die Initiative Arbeiterkind. „Wir wollen mehr junge Leute an die Hochschulen bringen, ganz egal, welchen akademischen Hintergrund die Eltern haben.”

Als Urbatsch 2008 begann, war sie eine Pionierin auf dem Gebiet. So richtig war das Problem „first generation student”, wie man in Amerika zu den Erststudierenden sagt, weder bei den Hochschulen noch in der Politik oder der Wirtschaft angekommen. Inzwischen gibt es verschiedene Initiativen, die teils mit Stipendien, viel öfter aber mit Beratung helfen. In erster Linie gehe es darum, dass sich Abiturienten von der Wissenschaft nicht einschüchtern lassen, sagt Urbatsch.

Die fehlenden Erfahrungen in der Familie wollen Initiativen wie Arbeiterkind wettmachen. „Wir sind die großen Geschwister, die das alles schon durchgemacht haben und alle Zweifel schon hatten”, erzählt Urbatsch. Dazu gehen sie vor allem in Schulen und informieren die Jugendlichen in der Oberstufe, die mit dem Gedanken spielen, ein Studium aufzunehmen. „Meist kommen Fragen nach der Finanzierung, ob man das schaffen kann, wie der Studentenalltag aussieht”, erläutert Urbatsch.

Nicht nur die Mentoren von Arbeiterkind versuchen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Auch der Studienkompass ist eine Einrichtung, die junge Menschen dabei begleitet, den Weg an eine Hochschule zu finden.

„Es geht um Empowerment, die jungen Leute darin zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen”, erklärt Ulrich Hinz. Er ist Experte für Schülerförderung beim Studienkompass und Leiter der Kommunikation bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft in Berlin.

Studienkompass entstand 2007 auf Initiative der Accenture-Stiftung, der Deutschen-Bank-Stiftung und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. „Das Förderprogramm dauert drei Jahre und baut gezielt Hemmschwellen für die Aufnahme eines Studiums ab.” In den beiden letzten Schuljahren und dem ersten Jahr an der Hochschule haben die jungen Erwachsenen Unterstützung durch Ehrenamtliche, mit denen sie ein Netzwerk knüpfen können.

Auch die Eltern sind in den Prozess integriert. „Es sind oft die Informationen, die fehlen - und da können wir helfen”, erzählt Hinz. Geld gibt es vom Studienkompass nicht. Jugendliche finden dort - genau wie bei Arbeiterkind - Informationen zu Stipendien, zum Bafög und anderen Finanzierungsmöglichkeiten.

Einen anderen Weg gehen die Studienpioniere. Sie sind ein gemeinsames Förderprogramm des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und der Stiftung Mercator. „Wir wollen die Hochschulen für das Problem sensibilisieren”, sagt Programmleiterin Bettina Jorzik. Dafür werden zehn Fachhochschulen gefördert, die bei einem Wettbewerb ausgezeichnet werden und je 300.000 Euro Preisgeld erhalten. Mit einem Teil des Preisgeldes können sie Studienpioniere finanziell unterstützen.

Auch wenn der Anpassungsdruck für die ersten Studierenden aus ihren Familien ungleich größer ist als bei Kindern aus Akademikerfamilien: Stefan Grob vom Studentenwerk ermutigt bei Interesse dazu, ein Studium aufzunehmen.

Dabei sollten sich die Pioniere nicht zu sehr von ihren Ängsten leiten lassen, sondern von ihrem Können. Auch finanzielle Aspekte spielen besser keine zu große Rolle. „Die individuellen Kosten eines Studiums werden oft überschätzt und der Nutzen unterschätzt.”

(dpa)