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Wechseldienste: Was sie sind, was sie leisten und für wen sie sich lohnen

Automatisch günstig? : Wechseldienste: Was sie sind, was sie leisten und für wen sie sich lohnen

Jeder darf seine Energieversorger in breitem Rahmen frei wählen. Doch das ist mit Aufwand und ständiger Wachsamkeit verbunden, um effektiv zu sparen. Wechseldienste treten an, um einen Ausweg aus der Misere zu ermöglichen. Ein Überblick.

Alle Jahre wieder - kommt nicht nur das Christuskind, sondern melden sich auch bei vielen die Energieversorger per Post oder Mail. Oft nur mit einem Kostenvoranschlag fürs nächste Vertragsjahr; für nicht wenige aber gleich in Verbindung mit der "frohen Botschaft", dass sich leider die Preise "etwas" erhöhen werden.

Freude über eine derartige Kunde dürften naturgemäß die allerwenigsten empfinden, schon weil Deutschland allein bei den Strompreisen unlängst einen traurigen Spitzenplatz innerhalb der EU eingenommen hat, nachdem es lange Jahre ein Duell zwischen der Bundesrepublik und Dänemark gewesen war. Doch die Reaktion darauf ist meist völlig falsch.

Was machen so viele Kunden falsch?

Seit 1998 sind in der EU sowohl der Strom- wie Gasmarkt liberalisiert. Einfach ausgedrückt: Niemand darf mehr gezwungen werden, nur einen Anbieter haben zu können. Wir dürfen also im Rahmen des normalen Vertragsrechts so wechseln, wie uns der Sinn steht:

  • Regulär 1, wenn der Vertrag ausgelaufen ist, was meist, aber nicht immer, nach einem Jahr der Fall ist. Häufig gelten hier drei Monate Kündigungsfrist, allerdings gibt es auch Ausnahmen.
  • Regulär 2, wenn man bei seinem Grundversorger unter Vertrag steht und dort noch nie gewechselt hat. In dem Fall darf jederzeit mit zweiwöchiger Frist gekündigt werden.
  • Irregulär, wenn der Anbieter, bei dem man unter Vertrag ist, die Preise für den Tarif, den man gewählt hat, erhöht. In diesem Fall steht Kunden ein Sonderkündigungsrecht zu, ebenfalls innerhalb von zwei Wochen.

Das Problem daran: Die Deutschen sind in allen drei Fällen ein sehr träges und nibelungentreues Völkchen. In ihrem "Monitoringbericht Energie 2018" fand die Bundesnetzagentur heraus, dass knapp drei Viertel aller Deutschen teils seit Jahren bei ihrem Grundversorger unter Vertrag stehen.

Im Klartext also, viele nehmen die umfassenden Wechsel- und somit Einsparmöglichkeiten, die ihnen seit rund 22 Jahren offenstehen, gar nicht wahr - und das kostet sie naturgemäß oft horrende Summen.

Aber gibt es nicht Vergleichsportale?

Nun dürfte es nur wenige geben, die noch nie im TV-Werbeblock, im Internet oder der Zeitung der Werbung von Vergleichsportalen begegnet sind. Postleitzahl und Jahresverbrauch eingeben, dann zeigt einem das Portal alle infrage kommenden regionalen Anbieter und was man bei ihnen für die gleiche Energiemenge zahlen müsste. Eigentlich ein ziemlich simpler Vorgang - Eigentlich.

Denn das Problem daran ist folgendes:

  1. Man muss den Vergleich jedes Jahr aufs Neue durchführen - für jeden seiner Energieanbieter.
  2. Je nach Region wird einem eine ziemliche Masse an Alternativen angezeigt, das macht es häufig etwas unübersichtlich (es gibt aktuell in Deutschland allein 1300 Stromlieferanten, dazu knapp 1000 Gasanbieter)
  3. Man selbst muss meistens das Handwerkliche übernehmen, muss Fristen im Auge behalten, Kündigungen schreiben, Neuverträge abschließen.

Angesichts dessen ist es schon verständlicher, aber trotzdem nicht richtig, wenn drei Viertel beim Grundversorger bleiben. Zumal bei vielen, gerade älteren Menschen, auch noch eine geringe Geübtheit im Umgang mit den natürlich nur online präsenten Vergleichsportalen dahintersteckt. Überdies kommt für manche noch die Furcht hinzu, an ein Schwarzes Schaf der Branche zu geraten und/oder bei einer Vertragspanne ohne Strom oder Gas zu verbleiben.

Übrigens ist letzteres eine unbegründete Furcht: Selbst wenn es ein so gravierendes Vertragsproblem gäbe oder ein Anbieter während der Laufzeit pleiteginge, würde man automatisch bei seinem Grundversorger unterkommen. Angst vor einem strom- oder heizungslosen Haus muss also tatsächlich niemand haben.

Was machen die Wechseldienste?

An diesem Punkt kommt ein vergleichsweise neuer Service ins Spiel, die Wechseldienste. Sie bauen ihr Geschäftsmodell genau auf der Tatsache auf, dass es aufwendig und unkomfortabel ist, selbst zu vergleichen und die Anbieter zu wechseln.

Das Arbeitsprinzip ist schnell erklärt: Man wendet sich an den Wechseldienst, gibt ihm seine Verbrauchs- und sonstigen Daten.

Das Unternehmen nimmt dann zweierlei Rollen ein:

  1. Die eines Tarif-Wachhundes: Der Wechseldienst beobachtet anstelle des Privatkunden den Anbietermarkt in seiner Region. Sobald es im Rahmen der bestehenden Verträge eine Möglichkeit gibt, zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln, informiert der Dienst den Kunden zeitnah darüber. Gibt es mehrere günstigere Anbieter, spricht der Dienst auch Empfehlungen aus. Aber: Alles optional.
  2. Entscheidet sich der Kunde dafür, muss er nur sein Okay geben und der Wechseldienst wird zum Butler, der Vertragskündigung, Neuanmeldung usw. übernimmt.

Ergo eine "Rundum-sorglos-Lösung", die ihr Geld dadurch erwirtschaftet, dass vom Kunden eine Erfolgsprovision verlangt wird, die sich im Bereich von einem Viertel bis einem Drittel der durch den Wechsel eingesparten Summe bewegt. Und das funktioniert erwiesenermaßen ohne Fallstricke:

Der Dienst Wechselpilot, der erst kürzlich von der Stiftung Warentest, die eine ganze Reihe solcher Wechseldienste für den Bereich Strom auf Herz und Nieren prüfte, das Prädikat "Sehr empfehlenswert" bekam, gibt dem Kunden sogar die Wahl, sich den Strompreisvergleich auf sehr umfassende Weise erklären zu lassen, um für mehr Transparenz zu sorgen. Das Ergebnis der Warentest-Untersuchung fand dazu heraus, dass damit reell und je nach Wohnort Einsparungen zwischen knapp 75 und über 400 Euro jährlich drin sind.

Für wen lohnt sich also ein Wechseldienst?

Wer zu denjenigen gehört, die selbst schon seit langen Zeiten peinlich genau die Märkte im Auge behalten und wenn nötig selbst wechseln, braucht natürlich keinen Wechseldienst. Allerdings muss man anerkennen, dass das eben die wenigsten Menschen sind.

Tatsächlich sind Wechseldienste deshalb eine Antwort für alle, denen das liberalisierte, aber eben nicht sonderlich einfache Prozedere zu mühsam ist. Wenig internetaffine Senioren sind dabei nur ein Teil der Zielgruppe. Prinzipiell lohnt sich die Zusammenarbeit mit den Diensten für jeden, der bei den Energiepreisen sparen will, dazu aber bereit ist, auf einen Teil des Eingesparten im Tausch gegen einen erheblich erhöhten Komfort zu verzichten.

Denn, und das ist das Entscheidende, wer mit einem Wechseldienst kooperiert, kann sich auch weiterhin ganz genau so verhalten, wie all jene, die wie eingangs erwähnt seit Jahr und Tag bei ihrem Grundversorger angemeldet sind. Mehr tun muss er kaum. Dennoch kommt er (fast) in den gleichen Einsparungs-Genuss wie all jene, die Monat für Monat Stunden auf den regulären Vergleichsportalen verbringen und Kündigungen tippen.

Der europäische Strommarkt ist zwar seit langer Zeit liberalisiert. Aber um immer beim günstigsten Anbieter in seiner Region zu sein, muss man einiges an Aufwand und Zeit investieren. Das möchten verständlicherweise viele Menschen nicht. Wechseldienste übernehmen gegen eine vergleichsweise geringe Gebühr diese unschönen Nebenwirkungen des liberalen Marktes und ermöglichen so ein Verhalten, das sich fast wie vor der Marktöffnung anfühlt. Dass es dabei in den allermeisten Fällen mit seriösen Dingen zugeht, hat die Stiftung Warentest erst jüngst nachgewiesen.

(vo)