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Dortmund: Schrebergärten der Zukunft: Zeitgemäß und ökologisch statt spießig

Dortmund : Schrebergärten der Zukunft: Zeitgemäß und ökologisch statt spießig

Behutsam schiebt Erhan Sevis die Bienen mit bloßen Fingern zur Seite, damit er den Honig in der triefenden Wabe erreichen kann. Sevis füllt den Honig in Gläser ab und verkauft ihn unter dem Label „Lütgendortmunder Bio-Honig” in der Nachbarschaft. Seit 2012 betreibt Sevis den Bienenstand auf seiner eigenen Parzelle im Gartenverein Lütgendortmund-Nord.

Sein Öko-Honig ist nur einer der zahlreichen Gründe dafür, warum der Verein 2014 neben zwei anderen Gartenanlagen in Nordrhein-Westfalen die Goldmedaille des Bundeswettbewerbes für Gärten im Städtebau bekommen hat.

Die Jury des alle vier Jahre vergebenen Preises lobte „die Nähe zur Natur” und die „lebendige Gemeinschaft” im Kleingarten. Durch die Anlage verläuft unter anderem ein naturbelassener Streifen Landschaftsschutzgebiet, in dem seltene Tier- und Pflanzenarten heimisch sind. Ein Schulgarten gibt Kindertagesstätten und Grundschulklassen Einblicke in die Natur.

„Es ist schon so, dass der ökologische Aspekt in den letzten Jahren bei der Preisverleihung in den Vordergrund gerückt ist”, erklärt Jürgen Sheldon, ein Jury-Mitglied des Bundeswettbewerbes. „Öffentliches Grün, für alle zugänglich, eine Artenvielfalt die größer ist als in so manchen Parks, so etwas suchen wir.” Gartenanlagen könnten keinen großen Einfluss mehr auf den Städtebau nehmen, umso wichtiger seien ökologische und zukunftsorientierte Projekte.

Genau so ein Vorzeigeprojekt wollte der Gartenverein Lütgendortmund sein, als er vor guten vier Jahren an den gebürtigen Türken Sevis herantrat und ihm eine Parzelle für seinen Bienenstand anbot. Zu diesem Zeitpunkt kümmerte sich Sevis noch gemeinsam mit seiner damals 80-jährigen Nachbarin ausschließlich im eigenen Garten um seine Bienenvölker.

Natürlich zögerte er nicht und nahm das Angebot an: „Wir sind eine Symbiose eingegangen”, sagt Sevis. „Ich bekam eine Parzelle, um mein Hobby zu betreiben, und einen kleinen Absatzmarkt für den Honig - und der Verein seinen eigenen Imker”.

Zumindest in Lütgendortmund wirkt man dem Spießerimage der „Laubenpieper” mit derlei Projekten aktiv entgegen. Nach Ansicht des Vereinsvorsitzenden Matthias Reppert öffnet sich aber auch die gesamte Szene seit geraumer Zeit immer stärker und wird attraktiver für Familien und junge Leute. Als er sich 2004 seine Parzelle in Lütgendortmund kaufte, hätten einige Freunde noch überrascht reagiert, erzählt Reppert. „Man wurde da schon in eine Schublade gesteckt”.

Seitdem habe sich vieles geändert. „Früher war der Vorstand fast so eine Art Sheriff. Alles musste akkurat aufgeteilt sein, die Anzahl der zu pflanzenden Apfelbäume war festgelegt”, erinnert sich Reppert. Mittlerweile sei das Leben in den Gartenanlagen lockerer geworden. „Unsere Priorität ist es, Spaß zu haben. Die Anlage ist eine Freizeitoase.”

Hans-Jürgen Schneider, der Vorsitzende beim Landesverband Rheinland der Gartenfreunde, sieht einen ähnlichen Trend bei den über 800 registrierten Vereinen in seinem Verband. „Das Interesse an Kleingärten zeigt, dass das seinerzeit in der Öffentlichkeit belächelte Kleingartenwesen nach wie vor große Anerkennung genießt.” Insbesondere bei jungen Leuten gäbe es durchaus ein „verstärktes Interesse an der Bewirtschaftung eines Kleingartens.”

NRW ist das einzige Bundesland, das nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Förderung des Kleingartenwesens in seiner Landesverfassung verankert hat. Besonders für die Menschen im industriell geprägten Ruhrgebiet waren die Gartenanlagen immer schon Fluchtpunkt und grüne Lunge zugleich. „Damals nach dem Krieg haben sie sich ja hier alle ihre Parzellen gekauft”, erzählt Matthias Reppert.

Über 8000 seien es heute allein in Dortmund. Reppert hofft, die Kleingartentradition auch durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die seine Anlage durch die Auszeichnung genießt, an jüngere Generationen weitergeben zu können.

(dpa)