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Walkability und City-Lounge: Der Weg zur autofreien Innenstadt

Walkability und City-Lounge : Der Weg zur autofreien Innenstadt

Vor dem Hintergrund zunehmender Klimaveränderungen rückt ein Thema in den Fokus: die autofreie Innenstadt. Die Vision scheint auf den ersten Blick lebensfreundlich, gesundheitsfördernd und umweltschonend zu sein - doch wie kann sie Realität werden?

Umdenken in die Zukunft: Vom Auto zum Fußgänger

Man muss sich schon fragen: Wie konnten die Fußgänger überhaupt aus dem Fokus der Stadtplanung geraten? Es begann mit der Motorisierung in den 1950er Jahren. Die „autogerechte Innenstadt“ sollte das Leitbild der motorisierten Welt werden. Der moderne Mensch gelangte mit dem Auto von Tür zu Tür, mit der Rolltreppe durch die Einkaufszentren und mit dem Aufzug in die Wohnung.

Was mit einer Kultur der Bequemlichkeit und des eigenen Pkw begann, findet heute in der fortschreitenden Digitalisierung seinen ambivalenten Höhepunkt. Der Preis für den allumfassenden Komfort sind verbreitete Zivilisationskrankheiten, Übergewicht, Umweltprobleme und vermehrte soziale Isolation.

Eine mögliche Lösung für das Dilemma: eine Orientierung weg von den Bedürfnissen des motorisierten Individualverkehrs hin zu den Bedürfnissen der Menschen. „Walkability“ lautet das Stichwort.

„Walkability“: Warum eigentlich?

In den 1950er Jahren galt Lewis Mumford mit seinen Aussagen noch als militant. Er schrieb damals: „Die Stadt soll nicht den Autoverkehr ermöglichen. Sie ist für das Wohlbefinden und das Zusammenleben der Menschen da.“

Heute würde der Architekturkritiker damit am Puls der Zeit liegen. Während sich Fußgänger bislang dem Autoverkehr unterzuordnen hatten, sollen sie künftig als priorisierte Verkehrsteilnehmer die Stadtplanung wesentlich beeinflussen. Die Stadt von morgen soll attraktiv werden für das Fortbewegungsmittel der Zukunft - die eigenen Beine.

Rotterdam geht in dieser Hinsicht die ersten zukunftsweisenden Schritte: Die Stadt eröffnete bereits 1953 die erste Einkaufsstraße Europas - die Lijnbaan, eine Ladenstraße ausschließlich für Fußgänger. Heute etabliert die Stadt regelrechte Fußgänger-Oasen: Die „City Lounge“ kommt den Bedürfnissen der unmotorisierten Menschen wesentlich entgegen. Sie bietet zwar wenig Raum für Autos, dafür aber mehr Wohnungen im Zentrum, breitere Gehwege statt Parkplätze und vor allem: Viele aufgewertete Plätze, die Raum für Erholung und sozialen Austausch schaffen.

Um zukünftig attraktiv zu bleiben, müssen viele Städte diese neuen Wege gehen. Fußgängerfreundlichkeit fördert das Wachstum und die Sicherheit innerhalb der Stadt, sie sorgt für mehr soziale Interaktion und Kreativität - und natürlich auch für lebendige Geschäfte dank vermehrter Laufkundschaft.

Gesunde Laufwege reduzieren Zivilisationskrankheiten, beugen Skelett- und Fußfehlstellungen vor und fördern Bewegung und Sport innerhalb der Stadtbevölkerung. Fußgängerfreundliche Städte erzeugen außerdem weniger klimaschädliche CO2-Emissionen sowie Abgas- und Feinstaubbelastungen. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund der sogenannten sozialen Kosten - also der Ausgaben für das Gesundheitssystem - wichtig: Studien zufolge betrugen diese Kosten in untersuchten Städten allein im Jahr 2018 über 166 Milliarden Euro.

Fußgängerfreundliche Städte sind also die attraktivste Lösung für die Zukunft - und haben damit das Potenzial, Menschen und Arbeitskräfte anzuziehen.

Fußgängerfreundlichkeit: Wie kann es gehen?

Die „Walkability“ ist Teil eines lohnenswerten gesellschaftlichen Wandels. Damit er gelingt, braucht es Unterstützung aus Bevölkerung, Politik, Städteplanung und Städtebau. In der Bundeshauptstadt Berlin sind bislang beispielsweise rund 60 Prozent des Straßenraumes dem Autoverkehr vorbehalten - so fühlen sich unmotorisierte Verkehrsteilnehmer weder sicher noch willkommen.

Damit sich das ändert, müssen die Privilegien im Straßenverkehr zum Teil umverteilt werden: „Walkability“ kann nur dann gelingen, wenn die Wege auch wirklich „gehbar“ gestaltet sind. Geschwindigkeitsbegrenzungen für Autos sind da nur ein kleiner Teil. Auch fußgängerfreundliche Ampelschaltungen, autofreie Zonen, ein guter Mix aus Wohn- und Gewerbegebieten sowie schattige Fußwege mit Sitzgelegenheiten ohne Autolärm gehören zu einem fußgängerfreundlichen Städtebild. Erste Probeläufe zeichnen sich bereits in vielen deutschen Großstädten ab.

Berlin legt mit der Sperrung der Friedrichstraße vor - dort können Fußgänger erleben, wie sich eine autofreie Innenstadt anfühlen kann. Auch der „Park(ing) Day“ setzt erste Akzente: Seit 2005 demonstriert der jährlich begangene "Park(ing) Day" deutschlandweit, wie viel Raum ein Auto in der Stadtplanung einnimmt.

Der dritte Freitag im September wird der künstlerischen Verwandlung eines Parkplatzes gewidmet: Ob Grünfläche oder Pop-up-Gastronomie - es gibt zahlreiche Ideen, wie sich Parkflächen sinnvoller und schöner nutzen lassen, als dort lediglich Autos abzustellen.

(vo)