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Audi RS 6 Avant: Spagat zwischen Sportwagen und Reisekombi

Audi RS 6 Avant : Spagat zwischen Sportwagen und Reisekombi

Mächtige Nachrüstung mit der vierten Generation des RS 6 und gleichzeitig eine deutliche Differenzierung zum A6. mit dem neuen RS 6 Avant hat Audi einen Traumwagen für Familienväter kreiert.

Verbale Camouflage geht nicht. Der Wolf zeigt sich in seinem Pelz. Um 80 Millimeter haben die Designer von Audi-Sport den neuen RS 6 in die Breite gezogen. Die Front samt LED-Scheinwerfern stammt vom Audi RS 7. Die Endrohre sind 33 Prozent größer als die XXL-Enden des Vorgängers. Bis auf das Dach, die vorderen Türen sowie die Heckklappe übernimmt dieses Auto nichts von einem normalen A 6 und entsprechend fällt es auf. Sein Leistungsvermögen trägt Audis potentester Kombi mit gelungener Ästhetik zur Schau: 600 PS, 800 Newtonmeter und von Null auf Hundert in 3,6 Sekunden. Nur wenige Supersportwagen können da mithalten. Superlativ-verdächtig ist ebenso der Preis: Ausgehend von 117.500 Euro addieren sich schließlich 172.755 Euro zusammen. Darin enthalten: Zigarettenanzünder und Aschenbecher (60 Euro) oder das RS-Dynamikpaket plus (12.500 Euro).

Diese Option bietet diverse technische Schmankerl, die den fahrdynamischen Charakter schärfen, etwa Wank- und Nickbewegungen reduzieren und die Spitzengeschwindigkeit auf 305 Kilometer pro Stunde (km/h) hieven. Mit unterschiedlichen Fahrmodi, etwa Comfort oder Dynamik, können individuelle Einstellungen festgelegt werden. Wer den Avant vornehmlich für die Fahrten des täglichen Bedarfs nutzt und das fahrdynamische Potenzial eher uninteressant findet, bekommt in der Comfort-Einstellung trotz der üppigen 22-Zöllern ein Komfortlevel, das im Alltag absolut in Ordnung geht und selbst Eifel-Landstraßen dritter Ordnung bandscheiben-schonend absolvieren lässt.

Stellt man die Elektronik scharf, zeigen sich Fahrleistungen jenseits jedes gesetzlichen Limits, und wer die Grenzen des RS 6 ausloten möchte, sollte Richtung Spa lenken. Dabei dürfte in den meisten Fällen eher menschliches Fahrvermögen das Limit setzen. Beinahe absurd ist, was der RS 6 an Grip umsetzt. Selbst auf feuchten Strecken katapultiert der Wagen aus Kurven jeglicher Couleur verlustfrei wieder hinaus, setzt Lenkbefehle spurtreu, sicher und akkurat um. Die Antriebsverteilung des serienmäßigen Allradantriebs liegt im Normalbetrieb bei 40:60 Prozent leicht hecklastig. Das mechanisch arbeitende Mittendifferential kann dabei je nach Fahrsituation bis zu 70 Prozent der Antriebskraft nach vorne oder bis zu 85 Prozent nach hinten schicken und verhilft so zu einem leichten und gut kontrollierbarem Übersteuern. Für mehr Kurvenstabilität verfügt der Sportkombi zudem über eine radselektive Momentensteuerung, mit der im sportlichen Einsatz die kurveninneren Räder leicht angebremst werden. Die gesamte Abstimmung wirkt gefühlvoll und lebendig, man merkt, wie sich das Fahrzeug unter einem bewegt, bekommt sogar einen leichten Drift hin, wenn man das ESP deaktiviert hat.

Sicher wieder eingebremst wird der 2145 Kilogramm wiegende RS 6 von einer Carbon-Keramikanlage mit monumentalen Zehn-Kolben-Sätteln und 440-Millimeter-Frontscheiben. Sie spart Gewicht (34 Kilogramm), reagiert bissig, hat den Wagen stets sicher im Griff.

Für Vortrieb des Performance-Kombi sorgt ein Vier-Liter-V8. Den haben die Ingolstädter Motorenentwickler mit allerlei Spritspar-Technik garniert, wobei dieser Begriff bei diesem Auto mit der entsprechenden Vorsicht benutzt werden sollte. Dank Riemen-Startergenerator, kleinem Lithium-Ionen-Akku und 48-Volt-Bordnetz wird der RS 6 zum Mildhybrid, der rekuperiert und mit abgeschaltetem Motor bis zu 40 Sekunden segelt. Außerdem kann er, wenn nicht benötigt, vier seiner acht Zylinder abschalten. Gleichwohl weist der Bordcomputer im Alltagsbetrieb einen Verbrauchswert von etwas über 14 Liter aus. Bedient man sich ungehemmt des Leistungspotenzials, werden es mehr deutlich mehr. Gepaart ist der Bi-Turbo mit einer schnell und präzise agierenden Achtgang-Automatik und akustisch garniert wird die Fahrt mit einem von sonor bis grimmig changierenden Soundtrack.

Innen herrscht die bekannte Audi-Architektur samt geschmackvoll eingesetzter Materialien und tadelloser Verarbeitung. Bedient werden die meisten Funktionen oder Einstellungen per Touchscreen. Das MMI-Infotainment-System überzeugt ebenso wie das gestochen scharfe Head-up-Display. So kann sich der Fahrer Temperaturen und g-Beschleunigungswerte informieren oder im „Audi virtual Cockpit“ mit spezifischen RS-6-Anzeigen beispielsweise Rundenzeiten oder den aktuellen Ladedruck anzeigen lassen. Das Platzangebot im Fond des gut fünf Meter langen RS ist angemessen. Beim Kofferraum zeigt sich indessen, dass Avants eher schöne als üppige Kombis sind. 550 bis 1680 Liter sind in dieser Klasse kein Spitzenwert.

Mit der vierten Generation des RS 6 hat Audi beim Fahrwerk mächtig nachgerüstet und optisch für eine deutliche Differenzierung gegenüber dem A6 gesorgt. Der gelungene Spagat zwischen einem Sportwagen und einem Reisekombi dürfte für viele Familienväter ein Traumwagen sein und – bleiben.

(amv)