Porsche Taycan: Magen an der Wirbelsäule

Porsche Taycan : Magen an der Wirbelsäule

Typisch Porsche und irgendwie doch ganz anders. Schließlich ist der Taycan das erste rein elektrisch angetriebene Auto des Sportwagenherstellers.

Die ersten Kilometer im Taycan sorgen für mehr als einen Adrenalinausstoß. Auf solch einen hammerharten Antritt sind weder Fahrer noch Beifahrer eingestellt. Schon das leise Zucken mit dem rechten Fuß reicht aus, um den Kopf des unvorbereiteten Beifahrers gegen die Kopfstütze knallen zu lassen. Der Fahrer hat zwar Halt am Lenkrad. Der Magen scheint sich dennoch um die Wirbelsäule zu wickeln. 2,8 Sekunden dauert der Standardsprint auf Tempo 100 im Taycan Turbo S, - eine ziemlich unsinnige Bezeichnung, die aber aus alter Tradition von den Verbrennern übernommen wurde. Für dieses Schnellstart wird die Leistung von 625 PS für maximal zweieinhalb Sekunden auf 762 PS erhöht. Beim gleich starken Turbo (152.136 Euro) beträgt die Overboost-Leistung 680 PS. Unterschiede gibt es zudem beim Drehmoment. Hier wuchtet der 185.456 Euro teure Turbo S 1050 Newtonmeter (Nm) auf beide Achsen, die jeweils von einer E-Maschine angetrieben werden. Der Turbo gibt sich mit 850 Nm zufrieden. Damit dauert der Spurt 0,4 Sekunden länger.

Neu und bisher einmalig bei E-Autos ist ein Zweigang-Automatik-Getriebe am E-Motor an der Hinterachse. Die sehr kurz ausgelegte ersten Stufe unterstützt den gewaltigen Antritt. In der Spitze erreichen beide mit 800-Volt-Technik ausgerüstete Versionen 260 Kilometer pro Stunde (km/h). Wird die volle Leistung auf längere Distanz abgerufen, nimmt die im 93,4-Kilowattstunden-Akku gespeicherte Energie rapide ab. 200 Kilometer Reichweite sind dann die Obergrenze. Etwas mehr als 300 Kilometer schafft der Taycan indessen, wenn es trotz mehrerer Zwischensprints und ansonsten etwas ruhigerer Fahrweise voran geht. Laut WLTP-Zyklus sind es beim Turbo mindestens 388 und maximal 453 , beim Turbo S 381 bis 420 Kilometer. Die stärkere Version muss es jedoch wahrlich nicht sein, um Fahrspaß in Reinkultur zu erleben. Den bieten beide Varianten gleichermaßen. Das gilt vor allem auf kurvigen Landstraßen. Hier zieht der Taycan wie auf den immer wieder gern zitierten Schienen seine Bahn. Selbst auf nasser Straße ist die Traktion geradezu brillant. Ein leichtes Zucken, ja, ein Ausbrechen, nein.

Das Aufladen der Batterie geht - zumindest an einer leistungsstarken Gleichstrom-Ladesäule - recht zügig. Mit der Leistung von 270 kW dauerte es 31 Minuten, um den Energievorrat von zehn auf 93 Prozent aufzufrischen. Die Energieaufnahme von fünf auf 80 Prozent dauert laut Porsche 22,5 Minuten. In fünf Minuten ist Strom für 100 Kilometer im Akku. Auf wirklich langen Tagesstrecken können die notwendigen Ladepausen aber durchaus nervig werden.

Wirklich nervig und nicht ungefährlich ist auf alle Fälle das Einstellen der Lüftungsdüsen, die ausschließlich über ein Untermenü auf dem Touchscreen zu verstellen sind. Der Taycan ist halt voll digitalisiert. Beim Kombiinstrument (16,8 Zoll) wird dabei an der Tubenform der Anzeigen festgehalten. Doch anders als bei allen anderen Porsche-Baureihen steht ein Drehzahlmesser nicht mehr im Mittelpunkt, sondern ist komplett verschwunden. Neu ist, dass Licht- und Fahrwerkseinstellungen tatsächlich einfach per Touch auf dem Display verändert werden können. Der Touch-Zentralbildschirm (10,9 Zoll) in der Mitte zeigt Navigations- oder Infotainmentdaten an. Auf Wunsch gibt es ein gleich großes Display vor dem Beifahrerplatz. Festgehalten haben die Gestalter jedoch am bekannten Porsche-Lenkrad, das in diesem Rahmen fast altbacken wirkt.

Ansonsten erleben Fahrer und Beifahrer eine fast identische Sitzposition wie im 911. Auf der Rückbank – zwei Einzelsitze oder Bank – können es sich zumindest zwei durchaus groß gewachsene Personen im 4,96 Meter langen, 1,96 Meter breiten und 1,38 Meter hohen viertürigen Sportcoupé bequem machen. Kopf- und Beinfreiheit, letzteres aufgrund einer Vertiefung im Boden, von Porsche Fußgarage genannt, sind gut. Ebenso das Volumen des Kofferraums. Sechs Trolleys lassen sich verstauen.

Optisch lässt sich der mit Porsche-DNA reichlich gespickte Taycan als Mischung aus Elfer und Panamera beschreiben. Seitenlinie und Zeichnung der Fenster tragen klare Carrera-Anleihen. Das Heck mit einem durchgehenden Leuchtenband ist ein wenig filigraner gezeichnet als beim Panamera.

(amv)
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