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Coventry/Waltrop: Jaguar S-Type: Der große Unbekannte

Coventry/Waltrop : Jaguar S-Type: Der große Unbekannte

Er ist der große Unbekannte im historischen Jaguar-Portfolio. Denn neben dem legendären Sportwagen E-Type und der bei Rennen und Rallyes erfolgreichen Limousine MKII scheint im kollektiven PS-Gedächtnis für den S-Type kein Platz mehr frei. „Wenn man an Jaguar und S-Type denkt, kommt einem allenfalls die betont rundlich und altertümlich gezeichnete Limousine von 1999 in den Sinn. Dass die Geschichte dieser Baureihe schon fast 40 Jahre früher begonnen hat, weiß heute kaum einer mehr”, sagt Michael Dewender aus Waltrop, der als Typreferent bei der deutschen Jaguar-Association die Limousinen jener Zeit verantwortet.

Dabei ist der S-Type nicht nur ein schönes Auto. „Er fährt auch noch viel besser als der MKII”, sagt Dewender und erzählt, wie Firmenchef Sir William Lyons die Entwicklung angestoßen hat: Er wollte die aufwändige Hinterachse aus dem legendären E-Type zur Kostensenkung noch in anderen Fahrzeugen nutzen. Weil dafür aber im MKII der Platz nicht reichte, streckte er die Limousine hinten um zwölf Zentimeter und besetzte so eine neue Fahrzeugklasse.

Da der Neue nach seiner Motorisierung als 3.4 S und 3.8 S verkauft wurde, setzte sich schnell das Kürzel S-Type durch, sagt Dewender. Er zielte auf die gehobene Konkurrenz vom Kontinent und wollte vor allem die Kunden von Mercedes und BMW ansprechen. Dafür haben die Gentlemen von der Insel aber auch kräftig zur Kasse gebeten: 22 750 Mark kostete der S-Type zur Markteinführung 1963 in Deutschland - etwa fünfmal so viel wie ein VW Käfer.

Entsprechend gut aufgehoben fühlt man sich auch heute noch in der vornehmen Limousine. Das beginnt beim Zigaretten-Anzünder, der bei dem Briten freilich mit „Cigar” beschriftet ist. Es führt über die Gurte, die noch aus grobem Zwillich gewebt sind und an die Zeiten erinnern, in denen Flugreisen ein Vergnügen der oberen Zehntausend waren. Und es endet bei Cupholdern, die stilvoller kaum sein könnten: Wo man seine Getränke heute in irgendwelchen Löchern versenken muss, haben die Briten im S-Type ein kleines Tischchen zum Ausziehen eingebaut. So viel muss einem die Tea-Time schon wert sein.

Überhaupt ist eine Fahrt mit dem S-Type ein große Zeitreise nach Good Old England. Kaum fällt man in die weichen, riesig großen Lederpolster, klappt die Armlehne herunter, greift in das spindeldürre Lenkrad und blickt über das Holz-Cockpit auf die lange schwarze Haube, laufen sofort alte Schwarz-Weiß-Filme von Edgar Wallace vor dem inneren Auge ab.

Dann füllt der seidige Sound des Sechszylinders den edlen Salon wie ein Kammerorchester das Herrenzimmer im Schloss. Über der breiten Schalterleiste flackert das Kartenlicht wie ein Kaminfeuer, die Tachonadel zittert wie eine Kerze im Wind, und sogar eine Landpartie in Hessen fühlt sich plötzlich an wie die Fahrt durchs schottische Hochmoor. Gut, dass das kräftige Gebläse nach ein paar Minuten eine mollige Wärme verbreitet.

Auf der Straße macht der Luxusliner auch heute noch eine gute Figur: Klar, braucht man ein bisschen mehr Kraft beim Lenken, man bremst besser mit Weitblick als mit Vehemenz und angesichts des Wendekreises macht man um enge Parkhäuser am besten einen großen Bogen. Aber der Sechszylinder schnurrt wie eine Katze auf dem Kaminsims und fängt tatsächlich an zu fauchen wie ein Jaguar, wenn man ihm die Sporen gibt: 157 kW/213 PS und 294 Nm - damit muss man sich auch heute noch nicht verstecken. Wer nach ein bisschen Übung seinen Weg durch die vier Gänge des Getriebes findet, der schwimmt locker und lässig im Verkehr mit. Immerhin geht es in 14 Sekunden von 0 auf 100 km/h und bis maximal 186 km/h. Vor 50 Jahren war das nicht schlecht. Bei einem Verbrauch von etwa 16 Litern ist man dann für den zweiten Tank des S-Type dankbar.

Je länger man fährt und die komfortable Einzelradaufhängung mit Teleskopfedern zu schätzen lernt, desto mehr wundert man sich über die geringen Stückzahlen. Denn es haben sich damals nur rund 10 000 Kunden für den 3,4 Liter und noch einmal 15 000 Kunden für den 7 kW/10 PS stärkeren 3,8 Liter entschieden, bis die Baureihe nach nur fünf Jahren 1968 schon wieder eingestellt wurde.

Für Sammler und solche, die es werden wollen, ist das ein Glücksfall, sagt Dewender. „Der S-Type ist lange nicht so gefragt wie sein kleiner Bruder MKII”, beschreibt er die Marktlage. „Deshalb findet man schneller ein Auto und zahlt in der Regel weniger dafür.” Fahrfertige Exemplare gebe es bereits ab 20 000 Euro und sehr gut erhaltene oder bereits komplett restaurierte Fahrzeuge kosteten selten mehr als 40 000 Euro. „Während die Preise für den MKII schon mal durch die Decke gehen und bei besonderen Fahrzeugen über 80 000 Euro erreichen können, ist mir noch kein S-Type für über 50 000 Euro begegnet”, sagt er.

Wie bei jedem Oldtimer warnt Dewender allerdings auch beim S-Type vor übertriebener Sparsamkeit: „Das teurere Auto kann am Ende durchaus die billigere Lösung sein. Denn je mehr Reparaturen anstehen, desto größer ist das unkalkulierbare Kostenrisiko. Schließlich kostet alleine eine Motorüberholung schnell mal 10 000 Euro.”

Ein halbes Jahrhundert nach der Premiere des S-Type wiederholt sich die Geschichte jetzt noch einmal: Wenn der britische Hersteller im Frühjahr den XE an den Start bringt, trägt er ebenfalls die Gene eines Sportwagens und einer Limousine in sich. Denn er ist eng mit dem F-Type und dem XF verwandt. Anders als der S-Type aus den Sechzigern zielt der XE als neues Einstiegsmodell indes auf die Mittelklasse. Die Gegner indes sind dieselben: Die deutschen Nobelhersteller sind im Visier und die Briten beschwören in Anlehnung an die Star-Wars-Saga die goldenen Zeiten des englischen Autobaus herauf: „The Empire strikes back. Das Imperium schlägt zurück.”

(dpa)